Bauhaus-Universität Weimar

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Th. Tipps. 
zu unterscheiden : Wir sehen, was nicht ist ; wir glauben zu 
sehen, was wir nicht sehen; und wir glauben zu sehen, was 
nicht ist. Unter Voraussetzung dieser Dreiteilung unterlägen 
wir optischen Täuschungen der beiden ersten Arten jederzeit 
und allen Objekten gegenüber. Wir sehen nie, was ist ; und 
wir sehen nie, was wir zu sehen glauben. In solchem Sinne 
pflegen wir indessen den Begriff der optischen Täuschung nicht 
zu fassen. Wir verstehen darunter vielmehr nur gewisse Ab¬ 
weichungen von dem, was wir nach allgemeineren Kegeln des 
Raumbewufstseins erwarten sollten. Auch dann aber müssen 
wir in jedem einzelnen Falle uns bewufst sein, ob wir unter 
der optischen Täuschung eine Modifikation des Sehens, genauer: 
des Gesichtsfeldes verstehen, oder eine Modifikation dessen, 
was wir zu sehen glauben, also eine Modifikation unseres 
optischen Urteils. 
An der Genauigkeit in diesem Punkte nun hat man es 
allzu oft fehlen lassen. Vor allem auch der Augenbewegungstheorie 
kann dieser Vorwurf nicht erspart bleiben. 
Das Bewufstsein der relativen Gröfse gesehener Distanzen 
setzt den Vergleich voraus. Vergleichen ist eine Art des Ur- 
teilens. Die Vergleichsbedingungen aber können eine Modi¬ 
fikation unseres Bewufstseins von dem, was wir wahrnehmen, 
herbeiführen. Hier ist eine erste Möglichkeit gegeben für 
optische Urteilstäuschungen. 
Zwei in gröfserer Entfernung voneinander befindliche 
Körper von nicht allzu verschiedener Färbung erscheinen mir 
vielleicht gleich gefärbt; nicht weil die Entfernung meine 
Farbenwahrnehmung veränderte, sondern weil sie die Erkenntnis 
des Unterschiedes der Wahrnehmungsinhalte erschwert. Wie es 
mit der Wahr ne hmung selbst sich verhält, davon überzeuge 
ich mich um so sicherer, je näher aneinander ich die farbigen 
Körper halte, je günstigere Vergleichsbedingungen überhaupt 
ich wähle. 
Selbstredend verhält es sich ebenso beim Vergleich räum¬ 
licher Gröfsen. Damit erledigt sich zunächst eine neuerdings 
von Martius aufgestellte Theorie. Distanzen, denen gleich 
grofse Netzhautbilder entsprechen, die darum, wie wir annehmen, 
gleich grofs gesehen werden, erscheinen gröfser, wenn wir das 
Bewufstsein haben, dafs sie vom Auge weiter entfernt sind. 
Wir wissen, dafs sie thatsächlich gröfser sein müssen; darum
        

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