Bauhaus-Universität Weimar

126 
Th. Lipps. 
meint, ich übersehe „die den Erscheinungen des Sehens selbst 
entnommenen Belege“ für seine Theorie. Dies ist nicht ganz 
zutreffend. Ich habe diese Belege nicht übersehen, sondern, 
wenigstens teilweise, übergangen ; und dies darum, weil sie mir 
einer besonderen Widerlegung nicht zu bedürfen schienen. 
Dies mag ein Irrtum gewesen sein ; insofern bekenne ich mich 
gerne eines Versäumnisses schuldig. 
Dies Versäumnis nun habe ich teilweise in der Abhandlung 
über „ästhetische Faktoren der Baumanschauungu, auf die ich vor¬ 
hin anspielte, gut zu machen gesucht. Aber eben auch nur 
teilweise, d. h. nur mit Bücksicht auf die „Erscheinungen des 
Sehens“, bei denen mir an die Stelle des vermeintlichen Ein¬ 
flusses der Augenbewegungen ästhetische Faktoren schienen 
treten zu müssen. Hier will ich jener Pflicht weiter zu genügen 
suchen. Da es sich dabei um Vertretung einer Position han¬ 
delt, die ich schon anderwärts vertreten habe, so bitte ich, 
dafs man sich im Folgenden weder über Verweisungen, noch 
selbst über gelegentliche ausdrückliche Erinnerungen an schon 
Gesagtes wundern möge. 
Erste Voraussetzung der Entscheidung einer Streitfrage ist, 
dafs der Streitpunkt klar liege. Streitpunkt nun ist hier der 
Einflufs der Augenbewegungen auf die Ausmessung des 
Sehfeldes, nicht der — von niemand bestrittene — Einflufs 
derselben auf unser Raumbewufstsein überhaupt. Dabei wider- 
um ist erforderlich, dafs wir wissen, was wir unter der Aus¬ 
messung des Sehfeldes verstehen. 
Sehfeld nun ist — ich denke für jedermann — die räum¬ 
liche Einheit dessen, was wir in einem Momente sehen, oder, 
genauer gesagt, das System der räumlichen Ausbreitung und 
räumlichen Zusammenordnung von Objekten und Teilen von 
Objekten, wie es in einem gegebenen Augenblick Gegenstand 
unserer Gesichtswahrnehmung ist. Das Sehfeld in diesem Sinne 
ist eine Fläche; es hat also, an und für sich betrachtet, keine 
Beziehung zur dritten oder Tiefendimension. Es verhält sich zur 
dritten Dimension, wie ich an anderer Stelle sagte, etwa so, 
wie sich die Zeit zur zweiten und dritten Dimension verhält, 
d. h. es hat, so lange nur das Sehfeld als solches in Betracht 
kommt, keinen Sinn, von einer dritten Dimension überhaupt 
zu reden. Wahrgenommene Objekte sind als solche dem Auge 
weder nahe, noch fern, sowie die Zeit weder dick, noch dünn
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.