Bauhaus-Universität Weimar

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Th. Lipps. 
mir dieselbe Linie von demselben Standort aus nacheinander 
nach oben, nach unten, und weder nach oben noch nach unten 
gekrümmt erscheint. Mehrere einem gröbsten Kreise des Himmels¬ 
gewölbes angehörige Sterne erscheinen mir, wie ich oben sagte, 
in einer geraden Linie, wenn ich einen derselben fixiere und 
die Leihe nach Möglichkeit für sich betrachte. Das Letztere 
wird vorzugsweise dann gelingen, wenn der fixierte Punkt zu¬ 
gleich Hauptblickpunkt ist. Beim Schein der Geradlinigkeit 
nun bleibt es auch, wenn ich mit Pesthaltung des Hauptblick¬ 
punktes die Sterne nacheinander fixiere. Ich kann aber den 
Schein der Geradlinigkeit auch aufheben, vor allem wenn die 
Linie eine recht lange ist. Ich brauche nur mir meine Stel¬ 
lung auf dem Erdboden, die Oberfläche der Erde, den Horizont 
recht deutlich zu vergegenwärtigen und die Sternenreihe darauf 
zu beziehen; und sie erscheint mir nach unten konkav. Sie 
erscheint mir nach oben konkav, wenn ich dies alles vergesse 
und meine Aufmerksamkeit auf den Zenith richte, in ihn mich 
versetze oder „verliere“ und darauf die Sternenreihe beziehe. 
— Natürlich ist hierbei eine mittlere Lage der Sterne zwischen 
Horizont und Zenith vorausgesetzt. 
III. Tiefen- und Gröfsenschätzungen. 
Der Schein der Krümmung gerader Linien ist ein spezieller 
Pall der Unterschätzung grofser Tiefen und Tiefenunterschiede. 
Lediglich ein Stück dieses Scheins ist die scheinbare Verschie¬ 
bung des Papierstreifens, von der oben die Rede war. Das¬ 
selbe kann auch gesagt werden von den Täuschungen über die 
Lage und Gröfse von Flächen, die wir unter sehr spitzem 
Winkel betrachten. Betrachte ich ein Rechteck, dessen längere 
Seiten sich von mir hinweg erstrecken, also im Sehfeld vertikal 
liegen, in immer spitzerem Winkel, so scheint sich seine vertikale 
Ausdehnung mehr und mehr zusammenzuschieben. Es wird 
für meinen unmittelbaren Eindruck zum Quadrat, dann zu 
einem Rechteck mit verhältnismäfsig immer gröfserer Breiten¬ 
ausdehnung. Das letzte Ende ist, dafs es als einfache horizon¬ 
tale Linie sich darstellt. In diese Linie aber geht es allmählich 
über, also so, dafs es alle Zwischenstufen der scheinbaren verti¬ 
kalen Ausdehnung durchläuft. Diese stärkere und stärkere Unter¬ 
schätzung der vertikalen Ausdehnung ist eine natürliche Folge der 
stärkeren und stärkeren Unterschätzung des Tiefenunterschiedes
        

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