Bauhaus-Universität Weimar

Die Baumanschauung und die Augenbewegimgen. 
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dafs es also darauf ankommt, ob ein Punkt da ist, an welchem 
wir die Krümmung nicht nur messen können, sondern thatsäch- 
licher- und natürlicherweise messen. Als Krümmung nach 
diesem Punkte hin wird uns die Krümmung gegen das Auge 
erscheinen müssen und einzig erscheinen können. 
Dieser Punkt nun kann in einem gegebenen Falle kein 
anderer sein, als derjenige, mit Bezug auf den wir überhaupt 
unter den obwaltenden Umständen die Lage von Punkten 
im Räume bestimmen. Und ein solcher Punkt besteht jeder¬ 
zeit, wenn er auch nicht immer gleich eindeutig bestimmt ist. 
Wir können ihn kurz bezeichnen als den Mittelpunkt für unsere 
Betrachtung der Teile des Raumes und unsere Bestimmung der 
Lage derselben. Es ist der Punkt, der weder rechts noch 
links, weder oben noch unten hegt, weil von ihm aus das 
Rechts, Links, Oben, Unten sich bemifst. 
Dieser Raummittelpunkt ist aber nicht immer derselbe. Einen 
natürlichen Anspruch, als solcher zu fungieren, hat zunächst ohne 
Zweifel der Punkt, den wir bei beliebiger Kopfhaltung in natür¬ 
lichster und ungezwungenster Stellung der Augen fixieren, also 
der „Hauptblickpunkt“. Dafs dieser Punkt wirklich zugleich als 
Mittelpunkt der scheinbaren Krümmungen gerader Linien 
fungiert, davon überzeugen wir uns leicht. Ich betrachte in 
der Nacht vom Fenster meiner Wohnung aus in direktem Sehen 
eine gerade Reihe von Grasflammen, die sich mir gegenüber auf 
der anderen Seite der breiten Strafse befindet. Ich thu6 dies 
zunächst so, dafs der Hauptblickpunkt in die Mitte der Licht¬ 
linie fällt. Bei dieser Art der Betrachtung erscheine mir die 
Lichtlinie wirklich als eine gerade. Nun hebe ich den Kopf, 
rücke also den Hauptblickpunkt nach oben. Durchlaufe ich 
nun die Lichtlinie mit dem gewaltsam abwärts gekehrten 
Blick, so scheint sie mir deutlich nach oben konkav. Sie er¬ 
scheint mir ebenso nach unten konkav, wenn ich den Kopf 
senke und mit gewaltsam gehobenem Blick die Lichtlinie 
fixierend durchlaufe. Der Erfolg ist derselbe, als wenn ich 
jedesmal den Hauptblickpunkt zum Fixationspunkt machte, 
und so die Lichtlinie indirekt betrachtete. Die Krüm¬ 
mung erscheint nur bei der indirekten Betrachtung stärker, •— 
soweit ich nämlich überhaupt die Lichtlinie indirekt zu be¬ 
trachten vermag. 
Aber nicht unter allen Umständen ergiebt sich ein solcher
        

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