Bauhaus-Universität Weimar

Die Baumanschauung und die Augenbewegungen. 153 
düngen verknüpfte, die ich. hatte, wenn ich nachher von S 
aus erst den einen, dann den anderen betrachtete, wurden die Kon¬ 
vergenzempfindungen zu unmittelbaren Zeichen der Entfernungen 
und des Entfernungsunterschiedes. Zugleich und in gleicher 
Weise konnten sie zu Zeichen des wirklichen Gröfsenverhält- 
nisses werden. Auch dies hatte ich ja Gelegenheit unmittelbar 
wahrzunehmen; ich hatte vielleicht vorher schon dieselben 
beiden Menschen in gleicher und als gleich erkannter Ent¬ 
fernung gesehen und verglichen. Wiederum verknüpfte ich 
das Ergebnis mit den Konvergenzempfindungen, die ich 
nachher von S aus hatte. Ich wufste so in Zukunft — aus 
unmittelbarer Erfahrung —, dafs die an Gröfse ver¬ 
schiedenen, nämlich in ihrer linearen Ausdehnung wie 1 :2 
sich verhaltenden Gesichtsbilder unter Voraussetzung dieser 
bestimmten Verschiedenheit der Konvergenzempfindungen gleich 
grofse Objekte bedeuteten, die nur das eine doppelt so weit 
wie das andere vom Auge entfernt waren ; vielmehr: ich deutete 
ohne weitere Reflexion und blind dem Zwange der Vorstellungs- 
Verknüpfung folgend, das, was ich sah, in meinen Gedanken 
in diesen erfahrungsgemäfsen Thatbestand um; ich that dies 
um so sicherer, je fester auf Grund der unmittelbaren Erfah¬ 
rung diese oder eine gleichartige Vorstellungsverbindung sich 
hatte knüpfen können. 
Dagegen haben wir bei gröfseren Entfernungen und Ent¬ 
fernungsunterschieden zu solcher unmittelbaren Erfahrung, 
darum zur unmittelbaren Knüpfung solcher Vorstellungsverbin¬ 
dungen keine oder wenig Gelegenheit gehabt. Wir sind, um gleich 
ein extremes, aber darum wohl um so einleuchtenderes Beispiel 
zu wählen, niemals in der Lage gewesen, die Entfernung 
zwischen dem Monde und unserem Auge bezw. der Stelle, wo 
sich unser Auge in einem gegebenen Momente befand, in einem 
vorangehenden oder folgenden Momente von der Seite, also 
vom Welträume aus wahrzunehmen und in der unmittelbaren 
Wahrnehmung mit einer uns bekannten Entfernung zu ver¬ 
gleichen; und wir haben nie das wirkliche Gröfsenverhältnis 
des Mondes und eines irdischen Gegenstandes, d. h. das Ver¬ 
hältnis der Gröfse, wie es sich bei gleicher Entfernung vom 
Auge darstellen würde, unmittelbar feststellen können. Weil es 
sich so — nicht nur beim Monde, sondern auch bei sehr viel näheren 
Objekten verhält, darum konnten die Tiefenzeichen, insbeson-
        

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