Bauhaus-Universität Weimar

150 
Th. Tipps. 
solchen bestimmten Tiefenunterschiedes ihrer Punkte. Dann 
steht aber auch ebenso fest, dafs sich eine gerade Linie für 
mein Bewufstsein in eine gekrümmte verwandeln mufs, wenn 
jenes bestimmte Tiefenverhältnis für mein Bewufstsein sich modi¬ 
fiziert. Jetzt fragt es sich nur noch, wie dies geschehen könne. 
Natürlich setzt die Beantwortung dieser Frage die Einsicht in die 
Gründe des Bewufstseins jenes Tiefenverhältnisses voraus. Zeigt 
sich, dafs die Wirksamkeit dieser Gründe sich modifizieren 
kann, so ist die scheinbare Krümmung verständlich geworden. 
Dagegen verstehe ich nicht, wie vor Untersuchung jener Gründe 
der Gegensatz der Geradlinigkeit und der scheinbaren Krümmung 
überhaupt in die Diskussion gezogen werden kann. 
In der That nun liegt es, wie wir sahen, in der Natur jener 
Gründe, es liegt speziell in der Natur der Konvergenzempfin¬ 
dungen, dafs sie nicht immer die gleiche Wirkung üben. Also 
bedarf es zur Erklärung der scheinbaren Krümmung keiner wei¬ 
teren Faktoren. 
Derselbe Schein der Krümmung gerader Linien scheint 
nun auch entstehen zu müssen, wenn wir eine gerade Linie in 
der Mitte fixieren. Auch hier werden ja Teile indirekt ge¬ 
sehen. Der Schein entsteht denn auch zweifellos. Nur müssen 
Einschränkungen hinzugefügt werden. Eine füge ich gleich 
hier hinzu. 
Dabei kommt ein weiterer unter den Faktoren in Betracht, 
die oben als Gründe für die verminderte Wirksamkeit der 
Motive des Tiefenbewufstseins, also für den verstärkten Einflufs 
der wahrgenommenen Gröfsenverhältnisse geltend gemacht 
wurden. Beruht die Erkenntnis der Tiefe und damit die 
Schätzung der wirklichen Gröfsenverhältnisse, allgemein gesagt, 
auf Erfahrung, so ist sie eine Sache, die gelernt werden mufs; 
und soll sie den Zwang der Wahrnehmung überwinden, so 
mufs sie nicht nur gelernt, sondern in dem Grade eingeübt sein, 
dafs sie sich ebenso unmittelbar aufdrängt und die gleiche, ja 
eine gröfsere zwingende Kraft besitzt als die Wahrnehmung. 
Nur unter dieser Voraussetzung können wir glauben wahr¬ 
zunehmen, was wir nicht nur nicht wahrnehmen, sondern was 
zur thatsächlichen Wahrnehmung im Gegensatz steht. — 
Nebenbei bemerkt, täusche ich mich nicht darüber, dafs auch 
unter dieser Voraussetzung in der Überwindung des Zwanges 
der Wahrnehmung durch das Urteil noch ein Problem liegt.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.