Bauhaus-Universität Weimar

Die Baumanschauung und die Augenbeivegungen. 141 
das Tiefenbewufstsein, -— durchaus nicht allein; aber ich will 
mich nun einmal in diesem Zusammenhang darauf beschränken. 
Dieselben sind auf Grund der Erfahrung — das Nähere gehört 
nicht hierher — zu Zeichen der Tiefe geworden. Verschiedene 
Konvergenzempfindungen sind zu Zeichen verschiedener Tiefen 
geworden. Entsprechend müssen uns gleiche Konvergenz¬ 
empfindungen Zeichen gleicher Tiefe sein. Sind wir einmal 
dazu gelangt, aus Konvergenzempfindungen die Tiefe so zu sagen 
abzulesen, so können wir nicht umhin da, wo wir keinen 
Unterschied dieser Empfindungen mehr bemerken, an eine 
gleiche Tiefe zu glauben. Nun ist jene Voraussetzung bei sehr 
weit vom Auge entfernten Gegenständen erfüllt, also verlegen 
wir solche Objekte in unseren Gedanken in gleiche Tiefe, oder 
wir verlegen sie auf eine Kugeloberfläche. 
Damit leugne ich doch nicht, dafs auch von Hause aus 
der Gedanke der Tiefengleichheit, also die Verlegung des Ge¬ 
sehenen auf eine Kugeloberfläche, vor den sonstigen Möglich¬ 
keiten einen leicht verständlichen Vorzug hat. Das Bewufst- 
sein der Form des Sehfeldes ist mit dem Bewufstsein der Tiefen 
und Tiefenunterschiede gegeben. Mit beidem zugleich wiederum 
ist das Bewufstsein der relativen Gröfse der gesehenen Objekte 
oder ihrer Teile unmittelbar gegeben. Erkennen wir eine Linie 
als in bestimmter Art in die Tiefe sich erstreckend, so schreiben 
wir ihr notwendig zugleich die Länge zu, die sie haben mufs, 
wenn sie bei solcher Lage das Gesichtsbild ergeben soll, das 
sie ergiebt. Wir schreiben ihr eine gröfsere Länge zu, als der 
für die Wahrnehmung gleich grofsen, die nicht oder nicht in 
gleichem Grade in die Tiefe zurückweicht. So bedingt über¬ 
haupt das Bewufstsein verschieden grofser Tiefen eine ver¬ 
schiedene Gröfsenschätzung der gesehenen Objekte und ihrer 
Teile, also eine gedankliche Veränderung oder Korrektur der 
wahrgenommenen Gröfsenverhältnisse. Natürlich geschieht diese 
Korrektur jederzeit im Widerstreit mit der Wahrnehmung. 
Wahrnehmung fordert hier wie überall Anerkennung. Es besteht 
also für uns jederzeit in gewissem Grade der Zwang das 
wahrgenommene Gröfsenverhältnis zweier in verschiedener Tiefe 
befindlicher Objekte oder Teile von Objekten anzuerkennen, 
oder es in unserem Urteil bei ihm zu belassen. Dieser Zwang 
mufs, wenn die verschiedene Gröfsenschätzung oder die ge¬ 
dankliche Aufhebung des gesehenen Gröfsenverhältnisses zu
        

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