Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Brückes Theorie des körperlichen Sehens: Habilitationsrede, gelesen vor der medizinischen Fakultät der Berliner Universität am 3. März 1891
Person:
Du Bois-Reymond, Claude
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit14618/5/
Über Bruches Theorie des körperlichen Sehens. 431 
bilder übersehen habe. Mit ausführlicher Begründung verficht 
er die Ansicht, dafs beim Sehen körperlicher Dinge und stereo¬ 
skopischer Bilder kleine Schwankungen der Blickrichtung und 
Konvergenz, ohne empfunden zu werden, gleichsam automatisch 
stattfinden. Dadurch werden nach und nach alle Punkte der 
ungleichen Bilder je einmal zur Deckung gebracht, und die 
Tiefenanschauung unbewufst aus der Gröfse dieser Bewegungen 
gewonnen. Es sei sehr schwer, vielleicht unmöglich, sich für 
längere Zeit vollkommen dieser Bewegung zu erwehren und 
einen Punkt so genau zu fixieren, dafs die stereoskopische 
Täuschung schwindet. Diese Bewegungen könnten nach Art 
der Reflexbewegungen geschehen, indem die Sehnervenerregung 
beim Anblicken eines Gegenstandes, ohne Vermittelung des 
bewufsten Willens, motorische Antriebe für die Augenmuskeln 
auslöst. Von selbst verfolgen die beiden Netzhaut mitteipunkte 
die sichtbarsten Umrisse und Linien des Körpers, wie zwei 
tastende Fingerspitzen, Konvergenz und Accommodation passen 
sich fortwährend dem Bedürfnis, einfach und scharf zu sehen, 
an. Die Gröfse der Augendrehung berechnete Brücke für eins 
der Bilder Wheatstones auf 2 Grad 13 Minuten, um zu zeigen, 
dafs sie sehr wohl unserer Aufmerksamkeit entgehen könne. 
In seiner Kritik Wheatstones hat Brücke unbestritten 
recht behalten. Prévost und Brewster traten ganz seinen 
Ansichten bei. Andere, vor allem Dove, bekämpften aber die 
Annahme von Augenbewegungen, und die Mehrzahl der späteren 
Autoren, auch von Helmholtz erklären, er habe zu grofses 
Gewicht auf diese gelegt. 
Dove, der sich viel mit dem Stereoskop beschäftigte und 
eine Reihe von wichtigen Anwendungen beschrieben hat, wider¬ 
legte die Erklärung Brückes. Er fand, dafs beim Lichte einer 
in regelmäfsigen Zeiträumen stattfindenden Elektricitätsent- 
ladung er selbst, wie auch andere, die Bilder körperlich sahen. 
Diese Beobachtung ist von Volkmann, August, Recklinghausen 
und Helmholtz, auch in mancherlei Abänderungen, wiederholt 
und im wesentlichen bestätigt worden. Von Bewegungen der 
Augen während der Funkendauer kann natürlich keine Rede 
sein. Dem Einwand, dafs vielleicht Phosphorescenz der Papier¬ 
bilder eine längere Beleuchtung bewirkte, ist durch Dove selbst, 
wie auch durch August und Recklinghausen, übrigens ohne 
dafs er gemacht worden wäre, dadurch begegnet worden, dafs
        

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