Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
August Forel: Der Hypnotismus, seine psycho-physiologische, medizinische, strafrechtliche Bedeutung und seine Handhabung. 2. umg. u. verm. Aufl. Stuttgart, Enke 1891, 172 S.
Person:
Martius, Götz
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit14614/3/
Li tteraturberich t. 
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Bewufstseinsvorgang als etwas Nebensächliches anzusehen, ist der von 
Forel so überaus drastisch gekennzeichneten Macht des Vorurteils zu 
danken. Götz Martius (Bonn). 
G. Simmel. Über soziale Differenzierung, soziologische und psycholo¬ 
gische Untersuchungen. Staats- und sozialwissenschaftliche Forschungen, 
herausg. von Gustav Schmoli.er, Bd. X., Heft 1. Leipzig, Duncker 
u. Humblot, 1890. 147 S. 
Diese Schrift behandelt zunächst die erkenntnistheoretische Frage 
nach dem eigentlichen Objekt der Soziologie als Wissenschaft, dann 
verschiedene einzelne Seiten der sozialen Entwickelung. Es ist bedauer¬ 
lich, dafs sie dabei weder auf grofse noch kleinere Vorarbeiten Rück¬ 
sicht nimmt. Die Theorien von Mill, Spencer, Schäffle, denen jetzt 
die Franzosen Le Bon, De Roberty, De Greef nachzueifern scheinen, 
die ungenügend begründete aber viele blendende Theorie von Gum- 
plowicz, Monographien wie die von Tönnies und Güyau, die Forschungen 
von Maine, Morgan, Maclennan, alles dies, obgleich sich mit seinen 
Thematen vielfach berührend, scheint für Simmel nicht vorhanden zu 
sein. Solche Nichtbeachtung der Vorgänger ist doch auf keinem 
sonstigen Gebiete der Wissenschaft üblich, dem Fortschritt einer werden¬ 
den Wissenschaft aber am allerwenigsten förderlich. 
Im ersten Kapitel wird zunächst die Behauptung aufgestellt, dafs 
die Soziologie in erkenntnistheoretischer Beziehung neben die Meta¬ 
physik und die Psychologie zu stellen sei, „diese beiden haben nämlich 
das Eigentümliche, dafs durchaus entgegengesetzte Sätze in ihnen das 
gleiche Mafs von Wahrscheinlichkeit und Beweisbarkeit aufzeigen“ 
(S. 4). Eine wahrhaft erschreckende Behauptung! — Für die Meta¬ 
physik mag sie noch gelten, da es viele dergleichen Versuche, nicht 
eine Metaphysik giebt, für die Psychologie aber ist diese Behauptung 
ein fundamentaler Irrtum. Die angeführten Beispiele beziehen sich auch 
alle auf die individuelle Verknüpfung seelischer Vorgänge, die freilich 
wegen der steten Wechselwirkungund grofsenKompliziertheit derselben oft 
schwer festzustellen ist, und einen demjenigen, den man annimmt, ent¬ 
gegengesetzten Verlauf nehmen oder entfernte Gebiete des Bewufstseins- 
inhalts, die scheinbar weit abliegen, dennoch durch ungeahnte Verkettung 
aufregen kann. Aber diese Unsicherheit der individuellen Verknüpfung 
berührt die Gesetze der Psychologie ebensowenig, als die Unsicherheit 
der Meteorologie die Gesetze der Physik berührt. Wie ein Blitzschlag 
entsteht, wissen wir; ob im einzelnen Falle die Bedingungen da sind, 
wissen wir nicht. Dafs der Gefühlston Einflufs übt auf die Verbindung 
der Vorstellungen, ist ein psychologisches Gesetz; seine Wirkung kann 
aber im einzelnen Falle durch eine entgegengesetzte Kraft, den Einflufs 
des objektiven Inhalts, aufgehoben werden. Freilich hat die eigentliche 
Psychologie meist qualitative, nicht quantitative Gesetze, aber dies berech¬ 
tigt nicht sie der Metaphysik gleich zu setzen. Psychologen wie Wundt, 
Lipps u. A. werden sich jedenfalls für diese Gleichsetzung bedanken. 
Der Wert der psychologischen Aufstellungen ist doch ein höherer als
        

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