Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Meynert: Klinische Vorlesungen über Psychiatrie auf wissenschaftlichen Grundlagen. Wien, Braumüller, 1890, 304 S.
Person:
Peretti
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit14606/1/
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Litteraiurbcricht. 
Beferent möchte diese Erklärung gern noch etwas anders präcisiert 
sehen. Bei der Erzeugung! der Schrift sind zwei dirigierende Faktoren 
zu unterscheiden: die optische Vorstellung der Schriftzeichen und die 
mit den Schreibbewegungen einhergehenden Bewegungsempfindungen. 
Bei der linkshändigen Spiegelschrift sind die Bewegungsempfindungen 
entsprechend der rechtshändigen Normalschrift, die Schriftzeichen da¬ 
gegen entsprechen nicht den optischen Vorstellungen. Die Innervations¬ 
folge rollt sich hierbei unter dem Einflufs der Bewegungsempfindungen 
ab und erscheint abgelöst von dem dirigierenden Einflufs der optischen 
Vorstellungen. Letztere, welche zugleich den Sinn rmd Begriff der 
Schriftzeichen vermitteln, stellen im allgemeinen und bei normalen 
intelligenten Menschen das hauptsächlich leitende Moment dar; das Ab¬ 
laufen der Innervationsfolge lediglich nach Mafsgabe der Bewegungs¬ 
empfindungen repräsentiert eine niedrigere, rein mechanische Thätigkeit, 
das, was Verfassser als „trieblichen Willen“ bezeichnet. 
Die Ausführlichkeit des Berichtes möge mit dem hohen Interesse 
der Sache und dem Umstande entschuldigt werden, dafs die Schrift des 
Verfassers an einer schwer zugänglichen Stelle erschienen ist. Es wäre 
sehr wünschenswert, dafs sie noch eine besondere Ausgabe erführe. 
Goldscheidep. (Berlin). 
Meynert. Klinische Vorlesungen über Psychiatrie auf wissenschaftlichen 
Grundlagen. Wien. Braumüller, 1890. 304 S. 
Meynert hat seine Vorlesungen aus dem Sommersemester 1889 einem 
weiteren Kreise zugänglich gemacht, und in diesen Kreis will er nicht 
nur Studierende und Arzte, sondern auch Juristen und Psychologen ein¬ 
rechnen. In der That findet auch gerade der Letztere in Meynerts Buch 
viele Auseinandersetzungen über den Gehirnmechanismus, die des näheren 
Eingehens wert sind, zumal M. die Psychiatrie als die Lehre von den 
Erkrankungen des Vorderhirns in seinen Verbindungen auffafst und 
die wissenschaftlichen Grundlagen der Psychiatrie aus der feineren 
Anatomie und den Nutritions-Vorgängen herleitet. 
Die Vorlesungen verlangen und verdienen ein genaues Studium, ein 
Keferat mufs sich auf Hervorheben von einzelnen Punkten beschränken, 
wie dies auch bei Besprechung der Amentia, einem vorher schon in den 
Jahrbüchern für Psychiatrie veröffentlichten Abschnitt aus den Vor¬ 
lesungen geschehen ist (diese Zeitschrift, Bd. I. p. 227.). 
Aufser über Amentia enthält das vorliegende Buch Vorlesungen 
über Melancholie, Manie, Paranoia, Paralysis universalis progressiva, 
sekundäre Geistesstörung, erworbenen Blödsinn durch Herd-Erkrankungen 
und über angeborenen Blödsinn (Idiotismus und Imbecillität.) 
Den Arzt und Juristen werden in erster Linie die klar geschilderten 
Krankheitsbilder, illustriert durchinstruktive Krankengeschichten, fesseln, 
während den Psychologen mehr die Erklärung der Vorgänge im Gehirn 
interessieren wird. 
In letzterer Beziehung mögen an dieser Stelle die Erscheinungen der 
heiteren und der traurigen Verstimmung bei der Manie und der Melan-
        

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