Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
W. Wundt: Zur Lehre von den Gemütsbewegungen. Philos. Studien VI, 1890, S. 335-393
Person:
Liepmann
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit14436/3/
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Litteraturbericht. 
Beschreibung der Entstehungsbedingungen und Reflexionen, welche es 
in uns anregt. Ist das auch, wie gezeigt, keine strenge Definition, so 
doch das einzige Mittel, Anderen mitzuteilen was in uns vorgeht. 
Die höheren Gefühle sind nicht selbst zusammengesetzt, sondern 
nur ihre Entstehungshedingungen. Jeder Affekt ist dagegen zusammen¬ 
gesetzt. An jedem läfst sich 1. ein Gefühl, 2. eine Rückwirkung des¬ 
selben auf den Vorstellungsverlauf, 3. ein sich hieran anschliefsendes 
sekundäres Gefühl unterscheiden. Teilerscheinungen des Affektes sind 
die physiologischen Veränderungen. Dafs mit diesen wieder sekundäre 
Veränderungen verknüpft sein können und so eine Selbststeigerung des 
Affektes stattfinden kann, läfst sich nicht in Abrede stellen. 
In einem kleinen Abschnitt „Zur Theorie der Gefühle“ tritt W. für 
seine Auffassung des Gefühls als der „Reaktionsweise der Apperzeption 
auf den Vorstellungsinhalt“ ein, wobei er sich dagegen verwahrt, dafs die 
Apperzeption etwas sei „was den Effekten, die sie am Vorstel¬ 
lungsinhalte erzeugt und den Begleiterscheinungen, die sie 
im Gebiete des Gefühls hat, als etwas Besonderes realiter 
zu Trennendes ge genüb er s t ände.“ 
„Vielmehr besteht sie selbst nur aus diesen Begleiterscheinungen 
und Wirkungen.“ Letztere sind die Grundlage des Begriffs der Apper¬ 
zeption. Die Spannungsempfindungen, „welche vielleicht noch 
mehr der Apperzeption den Charakter eines selbständigen Bewufstseins- 
inhalts gegeben haben .... können wohl am ehesten fehlen.“ Eine 
zweite Begleiterscheinung sind die Gefühle. Trotz ihrer innigen Be¬ 
ziehung zur Apperzeption sind sie von ihr zu trennen. 
Das Problem, die Ausdrucksbewegungen zu erklären, fällt mit dem 
allgemeinen, die tierische Bewegung überhaupt zu erklären, zusammen. Mit 
der Erörterung dieser Fragen stöfst W. auf einen zweiten Punkt von 
allgemeinerer Bedeutung. Er tritt für Beibehaltung der strengen Unter¬ 
scheidung zwischen Reflex und Willensakt ein gegen die namentlich 
von Münsterbeeg in seinem Buch „ Die Willenshandlung “ vertretene 
Theorie, nach welcher die Willenshandlung physiologisch 
als „Gehirnreflex“ zu fassen sei. Zwar stellt W. nicht in Abrede, 
dafs auch bei der gewollten Bewegung ein rein physischer Zusammen¬ 
hang zwischen Anfangs- und End-Glied gefordert werden müsse, dafs die 
Annahme einer Unterbrechung der physischen Reihe durch seelische 
Zwischenglieder wissenschaftlich unzulässig sei, aber dennoch empfehle 
sich auch rein physiologisch die Unterscheidung derselben vom Reflexe. 
Denn nur beim letzteren sei die Zuordnung bestimmter Bewegungen zu be¬ 
stimmten Reizen regelmäfsig und übersehbar, wogegen bei der Willens¬ 
handlung der motorische Enderfolg unberechenbar werde. Es handle 
sich hei letzterer nicht nur um gröfsere Länge und Ausbreitung der 
Bahn, sondern darum, dafs andere sensorische Erregungen ausgelöst 
werden, „deren Zustandekommen auf der sich jeder Berechnung 
entziehenden bisherigen generellen und individuellen Ent¬ 
wickelungsgeschichte des Gehirns beruht,“ ehe von da aus der 
motorische Enderfolg zu stände komme. Zudem wissen wir gar nichts 
Bestimmtes über jene vorausgesetzten physiologischen Prozesse. Alle
        

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