Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
G. Simmel: Zur Psychologie der Frauen. Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprache., XX, 1890, S. 6-46
Person:
Liepmann
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit14413/2/
Litter aturbericht. 
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herum gesammelt und aus ihrem ursprünglichen keimhaften Ineinander 
noch nicht zu selbständiger Existenz spezialisiert sind.“ Dies dokumen¬ 
tiert sich im Vorstellungsleben dadurch, dafs „die Vorstellungen bei 
der Frau noch in jener innigeren gegenseitigen Verbindung stehen, die 
den Teil sofort das Ganze reproduzieren läfst und bei der weniger 
logische Zusammengehörigkeit . , als reales Zusammensein über die 
gegenseitige Stellung im Bewufstsein und über das Mafs entscheiden, 
in dem sie ihre Kraft in Anziehung und Abstofsung zeigen.“ 
Aus dieser Eigenart des Assoziationslebens begreift sich sowohl 
das Überwiegen der Gefühle, wie die oft erstaunliche Sicherheit und 
Schnelligkeit im Urteilen, welche den gleich zu besprechenden Mängeln 
gegenüberstehen. 
Denjenigen Mangel, den man gewöhnlich den Frauen als fehlende 
Logik vorwirft, erkennt der Verfasser nicht an. Er meint, dafs hier die 
häufige Verwechselung materialer und formaler Irrtümer Vorlage. Nicht 
formale Konsequenz, sondern material treue Auffassung der Thatsachen, 
die durch Gefühle gefälscht werden, gehe den Frauen ab. 
Auch die Neigung der Frauen zum Übertreiben, zu exzentrischem 
Empfinden leitet sich aus ihrer undifferenzierter en, primitiveren Ver¬ 
fassung ab. Beide sind „natürliche und schwer vermeidliche Eigen¬ 
schaften eines Geistes, der noch nicht hinreichend differenziert ist, um 
dem Ausbreitungsbestreben einer einströmenden Vorstellung sofort ander¬ 
weitige modifizierende Vorstellungen entgegenzusetzen“. 
Aus demselben Grundcharakter ergeben sich dem Verfasser durch 
eine Reihe feiner Vermittelungen: die geringe Sachlichkeit der Frauen, 
ihre vorwiegende Erregbarkeit durch anschaulich Konkretes und Gleich¬ 
gültigkeit gegen abstrakte Ziele, ihr mehr rezeptives und reproduktives 
Verhalten in der Kunst, ihre hohe Wertschätzung der Sitte. 
Auch im geschlechtlichen Leben begründet die Einheitlichkeit der 
weiblichen Natur gewisse Verschiedenheiten der Frau vom Manne. Die 
Frau giebt sich ganz hin oder gar nicht. Daher in der That der weib¬ 
liche Treubruch eine vollständigere Lossagung vom anderen Teil be¬ 
deutet, als der des Mannes. Davon entlehnt die härtere Verurteilung, 
welche der Ehebruch der Frau erfährt, eine gewisse Berechtigung. 
Als durch Kultur erzeugte Verminderung der Einheitlichkeit des 
weiblichen Wesens wird die Koketterie aufgefafst. Sie erfährt eine 
treffende eingehende Analyse. 
Seiner ganzen Betrachtung giebt S. die sehr wesentliche Bemerkung 
mit, dafs sie die Frage gänzlich offen lasse, ob die gekennzeichnete 
Grundverfassung der Frau von innerer Notwendigkeit sei, oder aber 
durch abgeänderte Lebensbedingungen eine Fortentwickelung erfahren 
könne. 
Dadurch, dafs S. hauptsächlich die intellektuelle Seite der Frau, 
ihr Gefühls- und Willensleben aber wesentlich nur nach der formalen 
Seite und soweit es der Direktive der Intelligenz unterliegt, in Betracht 
zieht, ergeben sich ihm fast nur die Schwächen des weiblichen Ge¬ 
schlechts, welche den Minderwert desselben begründen. Hätte er sein 
Augenmerk auch auf die inhaltliche ureigene Qualität des weiblichen
        

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