Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Psychologie der Komplexionen und Relationen, Chr. v. Ehrenfels: Über Gestaltqualitäten
Person:
Meinong, A.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit14405/12/
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A. Meinong. 
aufmerksam, wenn den obigen Ausführungen etwa die skepti¬ 
sche Frage entgegengehalten wird, ob, was da unter dem 
Namen Komplexion als Vorstellungsthatsache sui generis in 
Anspruch genommen wurde, auch wirklich mehr sei, als eben 
die Bestandstücke zusammengenommen. Wenn eben von der 
Komplexion von Farbe und Ausdehnung die Rede war, konnte 
damit mehr gesagt sein, als dafs etwa unter bestimmten Um¬ 
ständen sowohl Farbe als Ausdehnung gegeben sei? An sich 
ist natürlich nichts leichter, als die Frage zu verneinen, denn 
das „sowohl, als auch“ pafst nicht nur auf Farbe und Aus¬ 
dehnung in der oben gemeinten Relation, sondern nicht minder 
auf die Farbe des Veilchens einerseits und die Ausdehnung 
der Wüste Sahara andererseits, am Ende auch auf eine Kunst¬ 
schöpfung Beethovens und auf eine Kröte. Erwägenswert aber 
bleibt, was denn dieses „sowohl, als auch“ an sich ist, und 
inwieweit die obigen Komplexionsfälle ihm gegenüber ein 
„mehr“ bedeuten könnten. Wäre vor allem, selbst wenn unsere 
skeptische Frage das Rechte getroffen hätte, damit der Kom¬ 
plexionsgedanke überhaupt aus der Welt geschafft? Offenbar 
nicht; denn auch dieses „sowohl, als auch“, dieses „zusammen¬ 
genommen“, die Summe oder wie man sonst sagen mag, kann 
zuletzt nichts als eine Komplexion bedeuten. Aber allerdings 
eine von besonderer Art, und was an ihr vor allem auffällt, 
ist ihre augenscheinliche Bedeutungslosigkeit für das, was etwa 
in dieser Weise „zusammengenommen“ wird. Läge in den 
obigen Beispielen von Komplexion zwischen Vorstellung und 
Urteil, Urteil und Urteil u. s. f. nichts vor als dieses „zusam¬ 
mengenommen“, dann brauchte die Psychologie die zweite der 
ihr oben zugewiesenen Aufgaben vielleicht gar nicht in Angriff 
zu nehmen, und nur etwa mit jener Vorstellung des „zusam¬ 
mengenommen“ hätte sie als mit einer Komplexionsvorstellung, 
und wäre es auch der einzig vorkommenden, zu thun. Diese 
wäre wohl Erkenntnisobjekt, doch nicht, wie solches bei Vor¬ 
stellungen sonst die Regel, auch Erkenntnismittel, und zwar 
deshalb nicht, weil sie als blofses Erzeugnis des vorstellenden 
Subjektes unfähig scheint, mit der vom Vorstellen unabhängigen 
Wirklichkeit in engere Fühlung zu treten. 
Vielleicht entspricht übrigens im gegenwärtigen Falle der 
Schein nicht völlig der Wahrheit; so viel aber erhellt ohne 
weiteres, dafs von den mancherlei Komplexions- und Relations-
        

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