Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Seelenfrage: Mit besonderer Berücksichtigung von O. Flügels "Die Seelenfrage etc.", 2. Auflage 1890, Mit einer Erwiderung von O. Flügel im selben Band auf S. 444
Person:
Rehmke, J.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit14376/32/
Die Seelenfrage. 
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(gegebenes fassen und behaupten, nichts anderes übrig, als es zum 
Dinggegebenen zu machen, da ihm ja dies allein noch zur 
Wahl stand, nachdem er das zweite, das individuelle Bewufst- 
sein, für dieses Seelensubjekt selbsteigen von der Wahl aus¬ 
geschlossen hatte. 
So verschreibt also auch Flügel sich dem Materialismus 
und damit dem unbewufsten Psychischen. Es bleibt 
nämlich dabei, dafs Avir individuell Gegebenes schlechter¬ 
dings nicht haben und denken können, es sei denn entweder 
als individuelles Bewufstsein oder als Ding; was also nicht 
jenes ist (und die HERBARTische „Seele“ soll es ja nicht ihrem 
„Wesen“ nach sein), mufs Ding sein, mufs demnach auch al3 
solches Ding gedacht werden, wenn überhaupt bei dem 
Worte „Seele“ noch etwas von dem Herbartianer ge¬ 
dacht werden soll. Flügel selbst bestätigt dieses dadurch, 
dafs er ohne Anstand für seine Seele die dingliche Be¬ 
zeichnung „Atom" aufnimmt, und alle Verklauselungen, dafs 
dieses „Reale“ aber nicht ein Raumgegebenes sei, machen als 
leere negative Formeln den Wirrwarr nur gröfser, befreien 
aber den Herbartianer nicht aus den Fängen des Materialismus 
selbst. Dies zeigt sich besonders daran, dafs ohne Schwierig¬ 
keit der Begriff des Unbewufsten für die HERBARTische „Seele“ 
angenommen wird ; sie ist also ein besonderes eigenartiges 
Ding unter den Dingen, die das Sein ausmachen. Der 
Herbartianer kennt nur eine Art individuellen Seins, er nennt 
sie das „Reale“, er denkt aber und kann unter diesem Titel 
nichts anderes denken als das raumgegebenene Individuelle, 
d. i. das Ding. Seele und Seelisches „ohne Bewufstsein“ 
ist ein leeres Wort oder aber Ding und Dingliches. 
So scheint denn gar kein Weg aus der materialistischen 
Psychologie herauszuführen? Vielleicht finden wir ihn, wenn 
wir uns klar geworden sind, wie es kommt, dafs die verschie¬ 
denartigen Versuche, die Seelenfrage zu lösen, welche die 
Gegenwart zeigt, allesamt den Materialismus als Mutterboden 
haben, so viel auch ihre Vertreter die „Immaterialität“ der 
Seele in die Welt hinausposaunen und das volle Anrecht auf 
tiefste Entrüstung zu haben meinen, wenn ich es ihnen auf 
den Kopf Zusage, dafs sie trotz alledem in materialistischer 
Anschauung stecken.
        

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