Bauhaus-Universität Weimar

376 
Gustav Engel. 
ursprünglich Violinspieler, gleich allen Violinspielern mit Klang- 
verhäitnissen besonders vertraut ist. Er hat sich mir auch 
bereits in früherer Zeit — bei einer Prüfung kleinster Ton¬ 
differenzen — durch eine überraschend sichere Feinheit des 
Gfehörs bewährt. Dies also sind die Resultate, zu denen ich 
bisher mit meinen Stimmgabeln gekommen bin. 
Als eine bestimmtere mögliche Erklärung für die Neigung 
namentlich bei weiteren Distanzen nicht die geometrische Mitte, 
sondern einen etwas höheren Ton für die Mitte zu halten, 
bietet sich nun die durch die Beobachtungen von Prêter, 
Stumpf , Luft u. A. gewonnene Erfahrung dar, dafs unser Ton¬ 
nervensystem in den verschiedenen Oktaven in Bezug auf den 
uns verliehenen Tonreichtum verschieden ausgestattet ist. Die 
Resultate sind noch nicht zuverlässig genug, als dafs es an¬ 
gemessen wäre, systematisch auf ihnen weiter zu bauen. Wenn 
wir indes unsere allgemeine musikalische Erfahrung zu Rate 
ziehen, so würden wir ebenfalls, wie es die exakte Forschung 
zu bestätigen scheint, die Gegend von der Mitte der ein¬ 
gestrichenen bis zu der Mitte der dreigestrichenen für die be¬ 
günstigte Tonregion halten dürfen, innerhalb deren wir die 
meisten Töne hervorzubringen und zu vernehmen fähig sind. 
Insbesondere möchte ich auf die auch von Professor Schulze, 
dem vorzüglichen, scharf beobachtenden Gesangslehrer mir be¬ 
stätigte Erfahrung aufmerksam machen, dafs Soprane selir oft 
die Neigung haben, innerhalb der zweigestrichenen Oktave bei 
chromatischen Tonleitern mehr als 12, mitunter 16 Töne zu 
singen und zwar mit deutlich gesonderten, ziemlich gleich- 
mäfsigen Schritten, ja überhaupt die Halbtöne etwas enger zu 
nehmen, eine Neigung, die bei tiefen Bässen gewifs nicht so 
leicht vorhanden sein wird. Überhaupt aber herrschen in der 
Musik in tiefer Lage die weiten Schritte vor, erst in dir ein- 
und zweigestrichenen Oktave tritt das Passagenwesen in aus¬ 
gedehntem Mafse auf, in der dreigestrichenen Oktave beginnt 
es dagegen allmählich wieder zu verschwinden. In erster Linie 
mag man wohl die Beschaffenheit des tönenden Materials als 
die Ursache davon betrachten; es ist aber nicht ausgeschlossen, 
dafs dieselbe Beschaffenheit auch an dem Tonnervensystem 
haftet. 
Ich möchte indes nicht so weit gehen, dafs ich mit Be¬ 
stimmtheit die erwähnte Eigentümlichkeit des Gehörs für die
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.