Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Psychologie der Komplexionen und Relationen: Chr. v. Ehrenfels, Über Gestaltqualitäten. Vierteljahresschr. f. wissensch. Philosophie, 1890, 3. Heft, S. 249-292
Person:
Meinong, A.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit14340/13/
Zur Psychologie der Komplexionen und Relationen. 
257 
Vorstellungen, -welche uns begegnen, manche der Wirklichkeit 
in der Weise der Wahrnehmungs vor Stellungen näher, manche 
ihr ferner stehen. Dabei kommt es zunächst nicht auf die 
Besonderheit der miteinander komplizierten Bestandstücke an, 
sondern darauf, ob am Zustandekommen der betreffenden Vor¬ 
stellung das Subjekt vorwiegend passiv oder aktiv beteiligt ist. 
Wie das Vorstellen in den Urteilsakt, wie das G-efühl in den 
Willensakt einbezogen ist, das lehrt uns Wahrnehmung und 
Beobachtung ebenso, als wir nur durch diese wissen, was die 
Bestandstücke, Vorstellen, Urteilen, Fühlen, Wollen sind; im 
Falle der Zusammenfassung dagegen war zunächst ich es, der 
Komplexion und Relation gleichsam erst in die Wirklichkeit 
hineingetragen hat, und nur sofern ich dies verkenne, kann ich 
jene Komplexion oder Relation für ein Stück dieser Wirklichkeit 
nehmen. 
Wie gleichwol bei Komplexionen und Relationen der letz¬ 
teren Beschaffenheit an Stelle der ihnen mangelnden direkten 
Erkenntnisbedeutung so viel von indirekter treten kann, dafs 
gerade sie für die Erkenntnistheorie von grundlegender Wichtig¬ 
keit werden, mufs hier un erörtert bleiben; um so wichtiger 
ist für uns ein anderer Umstand, der zunächst gleichfalls an 
Thatbeständen dieser zweiten Gruppe hervortritt. Vergleiche 
ich A mit B. so ist dadurch ein komplexer psychischer That- 
bestand geschaffen, vermöge dessen die Vorstellung des A und 
die des B sich zu einander und zur ganzen Komplexion in be¬ 
stimmter Relation befinden, über dessen Eigenart psychologische 
Beobachtung Aufschlufs giebt. Aber aufserdem führt die Ver¬ 
gleichung noch meist zu etwas, das man das Ergebnis der 
Vergleichung nennen kann: das A erweist sich dem B gleich 
oder mehr oder minder ähnlich oder unähnlich, und diese Aus¬ 
drücke bezeichnen Vorstellungsinhalte, welche ihrem Wesen 
nach so wenig dem Forum der inneren Wahrnehmung zuge¬ 
hören, so wenig etwa auf Reflexion über den Vergleichungs¬ 
akt zurückzuführen sind, dass sie vielmehr augenscheinlich mit 
dem A und B gleichsam auf derselben Stufe rangieren. Nie¬ 
mand meint das Gebiet der Farben verlassen und erst in den 
Bereich psychologischer Vorstellungen abschweifen zu müssen, 
um zwei gegebene Farben ähnlich zu finden. Ja nichts kann 
im Grunde unpsychologischer sein als eine solche Aussage, in 
welcher, ohne auf die bedingenden psychologischen Umstände
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.