Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Physiologisch - psychologische Studien über die Entwicklung der Gesichtswahrnehmungen bei Kindern und bei operierten Blindgeborenen
Person:
Raehlmann, E.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit14334/41/
Physiobgisch-psychologische Studien. 
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sichtssinn sie uns liefert, hat unser Patient also sicher nicht 
besessen. Obwohl er eine Vorstellung von der Aufsenwelt und 
ihrer räumlichen Dimension durch seine übrigen Sinne haben 
mufste und hatte, konnte er dennoch die mit dem Gesichtssinn 
frisch gewonnene Kaumvorstellung nicht ohne weiteresauf die vor¬ 
handenen beziehen, sondern das erforderte Übung und Erfahrung. 
Wäre eine prästabilierte Harmonie das unmittelbar herr¬ 
schende Prinzip, wie hätte Johann Rüben die Flasche, die er 
vor sich sieht, mit einem Pferde, welches er früher durch Be¬ 
tastung kennen gelernt hat, auf dessen Rücken er gesessen 
hat, verwechseln können. Würde das Netzhautbild auch nur 
eine bestimmte Gröfsenvorstellung a priori vermitteln, so könnte 
eine solche Verwechslung nicht Vorkommen. Für Johann Rüben 
ist das Netzhautbild nur ein Zeichen, dafs aufser ihm im Raume 
etwas vorhanden ist, etwas was ihm sein Auge zeigt, was nicht 
apriori vergleichbar ist mit den analogen Erfahrungen der 
anderen Sinnesgebiete und dessen Bedeutung zu erfafsen, der 
weiteren Erfahrung durch das Gefühl etc. und seinem Ver¬ 
stände überlassen bleibt. Wenn er nicht im stände wäre, durch 
Vermittelung des Gefühls seine Gesichtseindrücke, welche ihm 
eine neue sinnliche Welt zuführen, mit der alten ihm bekannten 
Welt zu vergleichen, er würde den gesehenen Raum und den, 
welchen er getastet hat, nicht ohne weiteres für identisch 
halten. Wie wäre sonst sein Verhalten dem vorgestreckten 
Beine gegenüber zu erklären? 
Es ist solchen Beobachtungen nach sehr fraglich, ob es 
überhaupt möglich wäre, wenn die übrigen Sinne nicht vor¬ 
handen wären, und die ganze Aufsenwelt starr gedacht, eine 
Vorstellung von der dritten Dimension, allein durch das Ge¬ 
sicht, zu gewinnen. Alles, was uns beim Sehen über die Tiefen¬ 
dimension belehrt, Perspektive, Parallaxe, Akkommodation ist 
sehr minderwertig im Vergleich mit der Kontrolle, welche für 
die Raumschätzung unserer Gesichtseindrücke die Betastung 
und die Fortbewegung des Körpers ausübt. Jedenfalls geht 
aus unseren Experimenten hervor, dafs es sehr schwer ist, durch 
Sehen allein den Raum zu begreifen. Auch das Sehen mit 
zwei Augen ist, wenn auch sehr wichtig, so doch kein unbe¬ 
dingtes Erfordernis zur Erwerbung der Vorstellung der Tiefen¬ 
dimension. Christine Deütschmann hatte diese Vorstellung gleich 
bei der ersten Prüfung nach der Operation, lernte auch Ent-
        

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