Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Physiologisch - psychologische Studien über die Entwicklung der Gesichtswahrnehmungen bei Kindern und bei operierten Blindgeborenen
Person:
Raehlmann, E.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit14334/40/
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E. Raehlmann. 
Die Augenbewegungen sind bei sehend gewordenen Blind- 
gebornen schon schwer für die centrale Fixationsstellung, noch 
schwerer für die Seitenwendungen zu erlernen. Unser Johann 
Ruben bewegte anfangs die Augen möglichst wenig. Er suchte 
wo es ging, die Augenbewegungen durch Kopfdrehungen zu 
ersetzen. Offenbar war die Relation zwischen dem seitlichen 
Abstande eines Netzhautbildes von der macula lutea und der 
erforderlichen Innervation der Augenmuskeln, um die macula 
lutea genau entsprechend dieser Distanz zu verschieben, schwer 
zu erwerben. Dem entsprechend wurde auch die relative Lage 
seitlich im Gesichtsfelde befindlicher Objekte falsch taxiert d. h. 
das Netzhautbild unrichtig nach aufsen projiziert. Obwohl sich 
direkt durch Messung nachweisen liefs, dafs das Gesichtsfeld 
normal grofs und frei vorhanden war, vermochte der Kranke 
seitlich gelegene Gegenstände anfänglich nicht sicher zu greifen, 
obwohl er gerade vor ihm befindliche schon ganz sicher zu 
fassen gelernt hatte. Dieselbe Sicherheit des Greifens wurde für 
peripher gelegene Gegenstände erst sehr spät erlernt. 
Anfänglich in den ersten Untersuchungstagen war der Ope¬ 
rierte nur auf die Wahrnehmung solcher Objekte und deren 
Raumverhältnisse geprüft worden, welche in seiner Nähe, im Be¬ 
reiche seiner Hände, sich befanden. Nachdem er für die nächste, 
durch Betastung kontrolierbare Distanz mit Hilfe der inzwischen 
eingeübten Augenbewegungen eine richtige Raumvorstellung 
erworben hatte, wurde sein Sehvermögen auch für die weitere 
als die direkt greifbare Distanz geprüft und es zeigte sich jetzt, 
dafs er aufser dem Bereich seiner Hände befindliche Gegen¬ 
stände ganz falsch in den Raum projizierte, dafs er nach ent¬ 
fernten Gegenständen griff, wie ein Kind, welches noch nicht 
gehen gelernt hat, nach entfernten Dingen wie z. B. nach dem 
Monde zu greifen pflegt. Er griff nach der ihm sonst schon 
wohlbekannten Uhr, welche sich 10' von ihm entfernt befand 
und nach dem Hunde, der 20' entfernt sich bewegte. Erst die 
Bewegungen seines eigenen Körpers (S. 28) setzten ihn in den 
Stand, den Raum abzumessen, der sich zwischen ihm und den 
entfernten Gegenständen befand. Dabei stöfst er bei seinen 
Bewegungen anfangs gegen Hindernisse an, sehr bald ver¬ 
meidet er dieselben. 
Angeborne Raumvorstellungen, in dem Sinne wie der Ge-
        

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