Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Physiologisch - psychologische Studien über die Entwicklung der Gesichtswahrnehmungen bei Kindern und bei operierten Blindgeborenen
Person:
Raehlmann, E.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit14334/4/
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JE. Baehlmann. 
einen entwickelten Augenmuskelapparat verfügen, konnte ich mich trotz 
längerer Beobachtung nicht überzeugen, dafs dieselben Augenbewegungen 
zum Zwecke des Sehens wirklich ausführen, dagegen besitzen die meisten 
Papageien namentlich die gröfseren Arten (Psittacus erithacus oder Grau¬ 
papagei) eine willkürlich bewegliche Pupille, welche nicht allein er¬ 
weitert und verengert, sondern auch seitlich verschoben werden kann. 
Ich glaube mich wenigstens überzeugt zu haben, dafs die Pupille häufig, 
unter gleichzeitigem Schmälerwerden des nach dem Schnabel gerichteten 
Breitenteils der Iris, nach Seite des Schnabels disloziert wird, wobei sie 
eine leicht ovale Gestalt erhält. 
Oft hatte ich Gelegenheit das Ausfliegen junger Vögel, auch hoch- 
begabter Papageien zu beobachten. Die jungen Tiere, im Neste (Nist¬ 
kasten) gewifs schon gewöhnt, umherzuschauen, Krallen und Schnabel 
zu gebrauchen, sind, wenn sie das Nest verlassen, durchaus nicht sicher 
im Erfassen von Zweigen und Ästen, sondern greifen häufig fehl und 
fallen, umflattert von den besorgten Alten, zu Boden. Auch sah ich sie 
anfangs fast regelmäfsig gegen die Zimmerwände fliegen, gegen Hinder¬ 
nisse stofsen etc., was bei älteren Tieren derselben Species nie vorkommt. 
Je höher das Tier in der Tierreihe steht, desto später lernt 
es seine Gesichtseindrücke beim Ortswechsel verwerten, das 
trifft besonders für diejenigen höheren Tiere zu, welche ein 
binokulares oder teilweise binokulares Gesichtsfeld besitzen. 
Beim neugeborenen Menschen dauert die Ausbildung des Ge¬ 
sichtssinnes als Mittel der Baumschätzung unter allen Wesen 
am längsten. Alle Kenntnisse über die Dimensionen des Baumes 
werden mühsam der Erfahrung der Sinne, vornehmlich des 
Auges, abstrahiert. 
Es existiert also, was die Entstehung der Bauman¬ 
schauungen angeht, ein erheblicher Unterschied zwischen Mensch 
und Tier, indem der Mensch mühsam erlernen mufs, was das 
Tier gleich bei der Geburt an Ausstattung in den Beziehungen 
zwischen Hirn und Auge fertig mitbringt. 
Ist dieser Unterschied nun geeignet, bei Entscheidung der 
Streitfrage zwischen Empirismus und Nativismus mit eine Bolle 
zu spielen? Soweit wir die menschliche psychologische Ent¬ 
wickelung ins Auge fassen, — wohl nicht ; dazu sind die Beob¬ 
achtungen an Tieren viel zu unsicher, da wir über das Sehen¬ 
lernen derselben nur ganz oberflächliche Beobachtungen zu 
machen vermögen. 
Die Thatsachen aber, die sich hier auch durch solche un¬ 
bestreitbar feststellen lassen und welche, wie hervorgehoben, 
angeborene Baumvorstellungen voraussetzen, lassen sich auch
        

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