Bauhaus-Universität Weimar

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Justus Gaule. 
ein Licht, nicht wie man fälschlich gemeint hat, auf die ana¬ 
tomischen, sondern auf die unser Leben viel inniger begrün¬ 
denden chemischen Zusammenhänge im Organismus werfen. 
So werden wir auch endlich die trophischen Eigenschaften 
der Nerven verstehen. Alle Nerven sind in meinem Sinne 
trophisch, die centrifugalen, weil sie fermentartige Stoffe zu¬ 
führen, die centripetalen, weil sie sie abführen. 
Wenn ein sensibler Nerv erkrankt oder unterbrochen wird, 
so ist es, wie wenn durch die Unterbindung des Ausführungsgangs 
die Fermente in einer Drüse zurückgestaut werden. Es müssen 
Ernährungsstörungen in dem Gebiete, das er versorgt, eintreten. 
Auch hier haben die Pathologen also ganz recht beobachtet, sie 
haben nur den Fehler gemacht, dafs sie nach besonderen Fasern 
suchten und dafs sie sich diese stets centrifugalleitend dachten. 
Endlich möchte ich betonen, eröffnet sich uns allen noch 
eine merkwürdige Aussicht. Wenn die Funktion nicht blofs 
an dem Nerv und seinen Zellen abschwingt, wenn sie auf der 
Aufnahme und Ausscheidung von chemischen Substanzen be¬ 
ruht, warum sollen wir denn das nicht eines Tages entdecken? 
Warum soll uns nicht einmal bei der Anwendung ge¬ 
schickter Eeagentien die Nervenzelle ihre veränderte chemische 
Zusammensetzung und durch ihre veränderte Zusammensetzung 
verraten, dafs sie funktioniert hat, vielleicht sogar wie sie funktio¬ 
niert hat. Herr Beevor hat schon auf eine Verschiedenheit des 
Aussehens von Ganglienzellen aufmerksam gemacht, welches er 
auf die Funktion im Leben zurückführte, und die Herren Donald¬ 
son und Hodge haben gezeigt, dafs man ein solches Aussehen auch 
experimentell erzeugen kann. Herr Bechterew hat in einer 
Arbeit, die er nicht vollenden konnte, und die deshalb noch 
nicht veröffentlicht ist, die merkwürdigsten Veränderungen der 
Zellen des Rückenmarks im Strychnintetanus gefunden. 
Vielleicht gelingt es uns doch einmal, all die mikroskopi¬ 
schen Bilder auf die chemischen Substanzen, all die chemischen 
Substanzen auf die funktionellen Veränderungen zu deuten, und 
wir lesen dann wie in einem Buche die Schicksale des Lebens. 
Freilich müssen wir da erst eine Forderung erfüllen, auf die 
ich in meiner Abhandlung über die Zahlen im Rückenmark 
aufmerksam machte, nämlich erkennen, welche Veränderungen 
der Tod und unsere Reagentien hervorbringen.
        

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