Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
O. Flügel: Zur Lehre vom Willen. Zeitschrift für exakte Philosophie, Band 18, 1890, H. 1, S. 30-67
Person:
Münsterberg, Hugo
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit14314/2/
Litteraturbericht. 
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ob der Wille etwas Ursprüngliches, Selbständiges sei, wie Külpe will, 
oder etwas Abgeleitetes, von den Vorstellungen Bedingtes, wie Flügel 
annimmt. Külpe hatte Herbabt vorgeworfen, er komme zu der letzteren 
Anschauung nur aus metaphysischen Gründen; Flügel weist nach, wie 
vielmehr die Analyse des empirisch Gegebenen dahin führte. Die Selbst¬ 
beobachtung zeigt nie einen Willen oder auch nur ein Begehren ohne 
ein Begehrtes, zeigt das Begehren nur verbunden mit anderen Seelen¬ 
vorgängen, aber während kein Wille ohne Vorstellungen, existieren fort¬ 
während Vorstellungen ohne Willen. Herbarts Auffassung stimmt somit 
zur Erfahrung, dagegen weifs unsere Erfahrung nicht das geringste von 
jenem abstrakten Willen, den Külpe sich „einer metaphysischen Theorie 
zuliebe zurechtmacht.“ Gegeben sind uns ja nur die einzelnen Willens¬ 
akte; aus diesen abstrahiert Külpe den logischen Allgemeinbegriff etwa 
des Begehrens, und dann wird weiter von dem wesentlichen Merkmal, 
welches die Erfahrung stets beim Begehren zeigt, nämlich von der Be¬ 
ziehung auf ein Begehrtes, abgesehen, und so kommt endlich ein dunkler 
Trieb heraus, der als reale Ursache des geistigen Geschehens gesetzt 
wird. Andererseits wird nun aber diesem ursprünglichsten Triebe alles- 
mögliche von vornherein mitgegeben; er mufs Sinnlichkeit haben, denn 
er richtet sich nach den Wahrnehmungen, er hat Verstand, denn er be¬ 
folgt seine Mahnungen, kurz der Wille wird zu einer vollständigen Persön¬ 
lichkeit, in der alles das schon vorausgesetzt wird, was erklärt werden 
sollte. Flügel citiert hier Ballauffs treffendes Wort: Alle die einzelnen 
gegebenen Willensakte auf einen nicht gegebenen, sondern zur Erklärung 
angenommenen einheitlichen Willen zurückführen, das ist nichts anderes 
als wenn die Griechen als Ursache alles Streites in der Welt ein und 
dasselbe Wesen, die Eris ansahen. 
Die wichtigste Folgerung aus der Lehre von dem persönlichen Ur- 
willen ist die, dafs auf der Einheitlichkeit dieses Willens die Einheit 
des gesamten Geisteslebens beruht; Flügel weist nach, dafs auch hier 
die Erfahrung widerspricht. Der Wille ist nicht Ursache des Ich, sondern 
das Ich ist Ursache des Willens. Wir können vor allem dasselbe wollen 
und zugleich nicht wollen ; der vernünftige Wille ist gegen die niedre 
Begierde u. s. w. Derartige Schwankungen und innere Kämpfe dürften 
nicht Vorkommen, wenn es in uns eine Funktion gäbe, die allen Willens¬ 
akten einheitlich zu Grunde läge. Külpe meint schliefslich, dafs der 
einzige psychische Inhalt, welcher nicht vom Willen abhängig ist, die 
perzipierten Emfindungen seien, diese aber nur eine Schattenexistenz 
führen, nur den Stoff bieten, den der Wille erst uns verwertbar macht. 
Mit Kecht erwidert Flügel, dafs diese „uns“, für welche die Sinnes¬ 
empfindungen Schattenexistenz führen, nur völlig ausgebildete Köpfe 
sein können. Beim ungebildeten Menschen, beim Kind und gar beim 
Tier ist es ganz anders, da läfst sich noch beobachten, wie die Vor¬ 
stellungen nach ihren eigenen Gesetzen sich verbinden und hemmen. 
Der Zustand des ausgebildeten charaktervollen Geistes, dessen Wille alle 
inneren Kegungen beherrscht, ist also erst ein Erzeugnis allmählicher 
Entwickelung; unmöglich darf dieses Letzte zum Ersten gemacht werden. 
Überdies deutet keine Erfahrung darauf hin, dafs die Vorstellungen aus-
        

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