Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
O. Flügel: Zur Lehre vom Willen. Zeitschrift für exakte Philosophie, Band 18, 1890, H. 1, S. 30-67
Person:
Münsterberg, Hugo
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit14314/1/
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Li tteraturberich t. 
bachten, wie kaum einige Wochen alte Kinder bereits in völlig coordi- 
nierter Weise etliche Schritte machten, wenn sie unter die Achsel ge 
fafst und so gehalten wurden, dafs die Fufssohlen die Unterlage berührten. 
Letzteres war von wesentlicher Bedeutung. Dafs bewufste Ortsverände¬ 
rungen erst viel später begonnen und mühsam erlernt werden, berechtigt 
nicht, das Gehen den einfach erworbenen Eigenschaften zuzurechnen. — 
Im zweiten Abschnitte wird die Thatsache registriert, dafs bei Kindern 
von einigen Wochen in direktem Gegensatz zu mehrjährigen stets die, 
meist explosive, Bewegung des einen Armes von der nämlichen seitens 
des anderen begleitet oder sehr bald gefolgt ist ; dafs ferner in den ersten 
Wochen die Hände bei schlaff herabhängenden Armen eine auffallend 
ausgeprägte Pronationsstellung einnehmen und — was sehr wichtig — 
genaue Orientierung über den Grad der Sicherheit gegen etwaiges Pallen 
besteht, derart, dafs bereits ein geringes Lockern der haltenden Hände 
genügt, heftiges Sträuben und Geschrei auszulösen. Verfasser nimmt 
zur Erklärung ein auf Vererbung beruhendes frühzeitiges In-Funktion- 
treten des Muskelsinnes an. — Ein drittes Kapitel handelt von den 
automatischen Bewegungen. Kitzeln der Hohlhand, Hineinlegen von 
Gegenständen in dieselbe reicht hin, um ein Schliefsen der Finger her¬ 
beizuführen, nicht nur trotz anderweitiger Inanspruchnahme der Auf¬ 
merksamkeit, sondern sogar im Schlafe. Andererseits werden manchmal 
gewisse Fingerstellungen längere Zeit zwecklos innegehalten, als wären 
sie vergessen worden. Es erinnert das, rein äufserlich betrachtet, an 
gewisse kataleptische Erscheinungen der Hysterie. Der Impuls zu einer 
Bewegung bleibt eben bestehen, auch wenn eine anderweitige Inanspruch¬ 
nahme des Intellektes Platz greift. Ein analoges Beispiel rein psychischer 
Art erlebte Verfasser an einem heftig weinenden Mädchen. Uber den 
Anblick einer Flamme vergafs es augenblicklich seinen Kummer, allein 
dieser blieb doch im Hintergründe des Bewufstseins und brach immer 
gleich wieder hervor, wenn das Licht verlöscht ward. — Zum Schlüsse 
werden einige Angaben über die Reaktionszeit bei Kindern von durch¬ 
schnittlich 4 Jahren gegeben. Es war die Aufgabe, auf ein Metronom¬ 
signal einen MABEYSchen Tambour in Aktion zu setzen. Die Reaktions¬ 
zeit erwies sich als sehr lang (zwischen 0,2" und 1,0"). Die gleichzeitig 
aufgenommenen Kurven der Muskelkontraktion zeigten sehr verschie¬ 
dene Form und waren sehr flach. Schaeeer (Jena). 
0. Flügel. Zur Lehre vom Willen. Zeitschrift für exakte Philosophie 
Band 18. (1890), H. 1. S. 30-67. 
Külpe hatte in seiner Habilitationsschrift über die Lehre vom Willen 
in der neueren Psychologie die WuNDische Willenstheorie zu vertei¬ 
digen gesucht; als indirekter Beweis für ihre Richtigkeit wollte er die 
Unhaltbarkeit aller übrigen modernen Willenslehren aufdecken und 
mufste somit unter anderen auch Herbarts bezügliche Anschauungen der 
Kritik unterziehen. Der Herbartianer Flügel wehrt nun in der vorlie¬ 
genden Arbeit den Angriff ab, weist nach, dafs Külpe der HERBARTSchen 
Theorie nicht gerecht geworden ist und wägt aufs neue die von Külpe 
verteidigte Lehre gegen die von ihm bekämpfte ab. Die Grundfrage ist,
        

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