Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Tonpsychologie, II. Band. XIII. u. 582 S., Leipzig 1890, Hirzel. Selbstanzeige
Person:
Stumpf, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit14279/7/
Litteraturbericht. 
351 
Klangmischung mehrere Instrumente heraushören können. Diese Frage 
ist analog der Ausgangsfrage, wie wir in einem Mehrklang mehrere Töne 
unterscheiden, aber sachlich wohl von dieser zu trennen. Hier ist in 
der That die einzige Lösung die, dafs wir nach Anhaltspunkten, welche 
nur die Erfahrung liefern kann, auf das Vorhandensein bestimmter 
Instrumente schliefsen, den Klang auf sie beziehen. Es gibt ein Heraus¬ 
hören yon Tönen, aber nicht ein Heraushören von Instrumenten, voraus¬ 
gesetzt, dafs sie wirklich streng gleichzeitig erklingen. 
Der Selbstanzeige sei es gestattet eine Selbstkritik hinzuzufügen. 
Einem Bedenken wenigstens, das mir heim Durchblättern aufgestofsen, 
würde ich als (Recensent folgenden Ausdruck geben: 
„Der Verfasser, der gegen andere mitunter scharf polemisiert, hat 
sich doch selbst in Hinsicht der sogenannten Verschmelzungsthatsachen 
eine Undeutlichkeit zu schulden kommen lassen. Denn er behauptet S. 137, 
die Verschmelzung gehe bei allen Tonpaaren, die nicht schon der 
niedersten Verschmelzungsstufe angehören, in diese Stufe über, ohne 
die etwaigen Zwischenstufen zu durchlaufen. Die Kurve aber, durch 
welche S. 176- die Verschmelzungsverhältnisse dargestellt werden, durch¬ 
läuft, indem sie von den höheren Stufen zur niedersten (Berührung mit 
der Abscisse) übergeht, jedesmal die zwischenliegenden Stufen, wie dies 
ja auch geometrisch innerhalb einer Ebene gar nicht anders möglich ist.“ 
In der That müssen wohl beim Übergang z. B. von der grofsen 
Septime zur Oktave oder von dieser zur kleinen None alle Verschmelzungs¬ 
grade durchlaufen werden, wenn anders unter den letzteren ein einfaches 
Steigerungsverhältnis stattfindet. Aber es ist ein Unterschied zwischen 
blofsen Graden und Stufen der Verschmelzung (S. 135). Die Stufen 
sind im geometrischen Bilde durch die Wendepunkte der Kurve charak¬ 
terisiert, und es ist durchaus richtig, dafs die höchste in die niederste 
und umgekehrt übergeht, ohne die Zwischenstufen zu durchlaufen. Da¬ 
gegen halte ich es allerdings für wahrscheinlich, dafs sich auch auf 
einer solchen Strecke ohne Wendepunkte durch hinreichende Übung, 
durch Emanzipation des Urteils von allen Nebeneinflüssen die den et¬ 
waigen Zwischenstufen entsprechenden Verschmelzungsgrade wieder¬ 
finden lassen. 
Ich verhehle mir nicht, dafs überhaupt der Begriff der Verschmel¬ 
zung als eines eigentümlichen, nicht weiter zurückführbaren Verhältnisses 
von Sinnesinhalten, wie er den Mittelpunkt der Untersuchungen dieses 
Bandes bildet, manchen Angriff erfahren wird. Der eine wird ihn für 
absurd erklären, der andere für eine altbekannte Sache, für die nur die Er¬ 
klärung noch zu entdecken wäre. Ich willnichts im voraus zur Verteidigung 
sagen; ich weifs nur, dafs er so, wie er hier sreht, für mich das Ergebnis 
vieler Beobachtungen und vieles Nachdenkens ist und auf viele Erschei¬ 
nungen Licht wirft, von denen die im vorliegenden Bande erwähnten 
(man sehe das lange Verzeichnis im Register unter „Verschmelzung“) nur 
ein kleiner Teil sind. Es liegt hier jedenfalls ein Zug der sinnlichen 
Welt, mit dem wir rechnen müssen, mögen ihn auch andere anders und 
besser definieren.
        

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