Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Tonpsychologie, II. Band. XIII. u. 582 S., Leipzig 1890, Hirzel. Selbstanzeige
Person:
Stumpf, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit14279/6/
350 
Litteraturberichl. 
schwebt. Rücken die primären Töne noch näher zusammen, so ver¬ 
nehme ich zuletzt natürlich nur einen und diesen schwebend. Die physio¬ 
logische Erklärung ergibt sich aus dem Prinzip der specifischen Energien 
in Verbindung mit dem obenerwähnten Hilfsprinzip der Accommodation. 
Zuletzt handelt dieser Paragraph von der Zuteilung der Schwebungen in der 
Auffassung an das Ganze oder bestimmte Teile eines Klanges; speciell 
von der Zuteilung an den tieferen Ton bei den Schwebungen verstimmter 
Konsonanzen h : 1, wo h nur wenig von einer ganzen Zahl differiert 
(Bosanquet). 
Die Versuche, Geräusche vollständig auf Töne zurückzuführen (es 
werden in § 28 drei solche Auffassungen unterschieden), scheinen mir 
viel Wahres zu enthalten, aber nicht allgemein durchführbar; wonach 
auch ein besondres Organ im Ohr für den nicht redueierbaren geräuschigen 
Erdenrest vorauszusetzen bliebe. 
Bezüglich des Klangfarbenbegriffes endlich mufs die Zurückführung 
auf die Teiltöne, Helmholtz’ bewunderungswürdige Theorie, als ausge¬ 
macht gelten; sie bedarf nur gewisser psychologischer Ergänzungen. Zu¬ 
nächst muls auch den einfachen Tönen eine Farbe zuerkannt werden, wenn 
das Klang-Ganze eine solche besitzen soll. Die tiefen sind dunkler, die hohen 
heller und eben dadurch wird ein Klang um so heller, je mehr und je 
höhere Obertöne hinzukommen. Worin besteht nun aber die Tonfarbe 
selbst? Sie ist nicht, wie ich dies früher versuchte, mit Tongefühl zu 
identifizieren. Sie löst sich auf in die drei Momente der Tonhöhe, Ton¬ 
stärke und Tongröfse. Die Prädikate, womit wir die Farbe von Tönen 
und infolgedessen von Klängen kennzeichnen, beziehen sich auf diese drei 
Momente zusammen, bald mehr auf dieses, bald mehr auf jenes. Ton- 
und Klangfarbe ist also nicht ein Moment neben der Stärke und der 
Höhe. Wollte man ein solches anführen, so wäre nur die Gröfse (die Quasi- 
Ausdehnung) zu nennen, welche aber das, was man gemeinhin unter die 
Klangfarbe rechnet, nicht erschöpft. 
Derselbe Zug der Auffassung, der bereits in den drei vorangehenden 
Paragraphen mehrfach berührt wurde, macht sich hier geltend, dafs wir 
einem unanalysierten Ganzen in gewissem Grade Eigenschaften seiner 
Teile zuschreiben. Es ist eben jedem seiner Teile um so ähnlicher, je 
intensiver er darin enthalten ist. (Diese Prädikation ist natürlich nicht 
die Folge einer Vergleichung, einer Wahrnehmung der Ähnlichkeit, sondern 
eine Folge der Ähnlichkeit selbst. Wir subsumieren das Ganze unter 
denselben Begriff, unter den wir ffüher das für sich wahrgenommene 
Element subsumierten.) Daraiif reduziert sich die Chemie der Empfin¬ 
dungen; nicht entstehen neue Inhalte, weder ein mittlerer, noch gar eine 
neue Gattung. 
Von hier aus lassen sich auch die einzelnen HELMHOLTZSchen Regeln 
ableiten. Es folgt aber, dafs nicht blofs die relative sondern auch die abso¬ 
lute Höhe der Teiltöne und darunter vor allem die des Grundtones selbst 
von Einflufs auf die Klangfarbe sein mufs; was sich u. a. auch an der 
(nur berührten) Vokaltheorie bestätigt. 
Die Anwendung derselben Prinzipien auf die Klangmischungen leitet 
schliefslich noch zu der Frage über, auf welchem Wege wir in einer
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.