Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Tonpsychologie, II. Band. XIII. u. 582 S., Leipzig 1890, Hirzel. Selbstanzeige
Person:
Stumpf, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit14279/5/
Litteraturbericht. 
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die als Typen ganzer Klassen gelten können, besonders aber von Un¬ 
musikalischen und von Kindern eingehender beschrieben. Bei Kindern 
fällt namentlich die Neigung auf, Zweiklänge für eine um gröfsere An¬ 
zahl von Tönen zu erklären, je weniger sie konsonieren. 
Ist bis dahin ausschliefslich von Urteilen über Einheit oder Mehr¬ 
heit die Rede gewesen, so handeln nun §§ 25 und 26 von Qualitäts- und 
Intensitätsurteilen über zusammengesetzte Klänge und deren Teile (also 
solche Urteile, die bei aufeinanderfolgenden Tönen den Hauptgegen- 
stand bildeten). Wir fassen einen Zusammenklang, selbst wenn er analy¬ 
siert uns vorschwebt, gleichwohl als ein Ganzes und schreiben ihm als 
solchem eine gewisse Höhe zu, und zwar hat ein ruhender Zusammen¬ 
klang als solcher die scheinbare Höhe des tiefsten Tones (womit in der 
Musik die Verlegung des Haupttons in die Tiefe, die Bezeichnung 
„Grundton“ zusammenhängt). Dieser Zug erklärt sich nur psychologisch, 
nämlich aus der gröfseren Ausdehnung der tieferen Töne, welche den 
jeweilig tiefsten als den tragenden, als Fundament, erscheinen lassen. 
Bei aufeinanderfolgenden Zusammenklängen ferner macht das Ganze 
scheinbar die Bewegung der in den gröfsten Schritten bewegten Stimme. 
Weiter wird der scheinbare Einflufs eines Tons auf die Höhe eines an¬ 
deren gleichzeitigen Tons (Accommodation, Kontrast) und dgl. besprochen 
und die meisten dieser Züge auch an Beispielen aus der Musik erläutert. 
§ 26 bestätigt an Erscheinungen bei gleichzeitigen Tönen die gröfsere 
Empfindungsstärke höherer Töne (I 365), stellt sodann fest, dafs dem 
Gesamteindrucke bei geeigneten Versuchsumständen keine gröfsere 
Stärke zuerkannt wird als dem stärksten Teil (ein neues Zeugnis gegen 
die Einheitslehre), dafs sich gleichzeitige Töne vielmehr gegenseitig 
physiologisch schwächen. Das doppelohrige gegenüber dem einohrigen 
Hören, sowie minimale Eindrücke werden in dieser Hinsicht noch be¬ 
sonders betrachtet, weil sich hier die Beobachtungen nur sehr schwer 
genau ausführen lassen, und zuletzt ohrenärztliche Beobachtungen und 
solche bei andern Sinnen zur Vergleichung herangezogen. 
Die beiden letzten Paragraphen behandeln besondere Erscheinungen, 
welche ausschliefslich oder vorwiegend an gleichzeitige Töne gebunden sind : 
Schwebungen, Geräusche, Klangfarbe (bez. die Auffassung dieser Erschei¬ 
nungen). § 27 untersucht zunächst den verschiedenen Charakter der 
Schwebungen je nach Umständen, die Grenze ihrer Schnelligkeit (die ich 
weit höher fand als sie bisher angegeben wird, bei etwa 400 in der 
Sekunde), die verwickelten Bedingungen ihrer Stärke und ihrer Merk- 
lichkeit; darauf die Tonhöhe bei Schwebungen. Hört man beide schwe¬ 
bende Töne oder einen einheitlichen dritten, und diesen von konstanter 
oder von periodisch schwankender Höhe? Es war mir nicht möglich, 
den hin- und hergehenden Schwebungston, welchen Helmholtz beschreibt 
und theoretisch ableitet und welchen Sedley Tayloe sogar als die 
eigentliche Ursache der Dissonanz betrachtet, zu beobachten. Ich fand 
die Erscheinung verschieden je nach dem Höhenabstand der schwebenden 
objektiven Töne. Bei g' a' höre ich nur diese beiden Töne selbst, und 
sie sind es, welche schweben Bei gis' a‘ höre ich ebenfalls diese beiden, 
aufser ihnen aber einen dritten dazwischenliegenden, und dieser allein 
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