Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Tonpsychologie, II. Band. XIII. u. 582 S., Leipzig 1890, Hirzel. Selbstanzeige
Person:
Stumpf, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit14279/2/
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Litteraturbericht. 
Eigenschaften der Töne, worin ich einen (quasi-) lokalen Empfindungs¬ 
unterschied der Töne des rechten und linken Ohres, sowie eine mit der 
Tonhöhe abnehmende (Quasi-) Ausdehnung als immanentes Moment der 
Tonempfindungen vertrete, dagegen eine mit der Höhe wechselnde 
Örtlichkeit der Töne im Bewufstsein (Mach’s Tonraum) nicht für gegeben 
oder erforderlich halte. 
Die zweite Schwierigkeit läfst sich nicht blofs bei Tonempfindungen 
sondern überall aufwerfen und führt zur Konstatierung eines besonderen 
Verhältnisses zwischen gleichzeitigen Empfindungsinhalten (auf welches 
unter den Sinnesphysiologen zuerst E. H. Weber aufmerksam machte, 
das aber auch schon Aristoteles berührt). Gleichzeitige Empfindungen 
sind immer nur Teile eines Empfindungsganzen. Den Begriff des Em¬ 
pfindungsganzen kann')man sich am besten an den sog. Momenten einer 
Empfindung klar machen ; Intensität, Qualität und dergleichen sind Teile 
der Empfindung. In ähnlicher, wenn auch nicht gleich inniger, Weise 
bilden alle gleichzeitigen Empfindungen ein Ganzes. Wir nennen das 
Verhältnis in diesem Falle Verschmelzung. Sie ist aber wieder von un¬ 
gleicher Engigkeit, wenn es sich um Empfindungen verschiedener oder 
um solche Eines Sinnes handelt, und auch hier gibt es wieder Grad¬ 
unterschiede. Die Definition der Verschmelzung kann überall nur darin 
bestehen, diese thatsächlichen Unterschiede an Beispielen aufzuzeigen 
und zu klassifizieren; wie man auch das Verhältnis der Momente zu 
einander durch keinerlei blofs abstrakte Definition wird klar machen 
können. In Anbetracht der Verschmelzung nun läfst sich auch der An¬ 
schauung, wonach wir bei einem Accord nur Eine Empfindung hätten 
(Einheitslehre), eine relative Berechtigung zugestehen. Jedenfalls aber 
bleibt es dabei, dafs diese Empfindung mehrere Töne enthält und nicht 
blofs auf eine Mehrheit objektiver Töne bezogen wird. Nach der Zahl 
der empfundenen Qualitäten aber pflegen wir doch die Zahl der Em¬ 
pfindungen zu bestimmen. 
Eine weitere Untersuchung betrifft die Frage, ob Erfahrung, also 
vorgängiges Hören der einzelnen Bestandtheile, und ob Aufmerksamkeit 
eine unentbehrliche Bedingung für die Analyse sei. Helmholtz hat die 
in den drei ersten Auflagen der „Lehre v. d. Tomempfindungen“ vertretene 
Theorie, welche auf dem auch in der Raumlehre durchgeführten „em- 
piristischen“ Prinzip gründet, dafs wir Sinnesempfindungen um so weniger 
leicht auseinanderhalten, je häufiger sie uns als Zeichen einheitlicher 
Objekte dienten, in der vierten Auflage bereits selbst, doch ohne An¬ 
gabe der Motive, aufgegeben. In der That läfst sich schon der Umstand, 
dafs Musikalische unter sonst gleichen Umständen leichter als Unmusi¬ 
kalische Obertöne heraushören, und Anderes nicht wohl damit vereinigen. 
Helmholtz legt nunmehr das Hauptgewicht auf die vorangehenden Er¬ 
fahrungen. Je häufiger jemand die Bestandteile einzeln gehört und die 
Zusammensetzung des Ganzen aus ihnen wahrgenommen hat, um so 
leichter die Analyse. Ganz unentbehrlich ist jedoch diese Bedingung 
nur unter Voraussetzung der Einheitslehre; die Mehrheitsansicht dagegen 
führt zu der Folgerung, dafs bei günstigen Umständen (grofsem Abstand 
der Töne, gleicher Intensität u. s. w.) vor jeder Erfahrung und sogar
        

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