Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Bericht über die Leistungen auf dem Gebiet der Anatomie des Centralnervensystemes im Jahre 1889. Schmidts Jahrb. der ges. Medizin, Bd. 228, S. 73-103. Selbstanzeige
Person:
Edinger, L.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit14237/2/
Litter aturbericht. 
497 
bleiben. Fleifsige Einzelarbeit, ein Yorwärtsstreben auf allen offenen 
Wegen, der Versuch neue Wege zu erschliefsen, charakterisieren die 
augenblickliche Arbeit auf dem Gebiete der Hirnanatomie. 
Von Arbeiten, die das Ganze betreffen, wäre wesentlich ein Aufsatz 
von Gaskell in Brain, Bd. 12 (1889), zu erwähnen. G. ist überzeugt, dafs 
das kompakte Gehirn der Wirbeltiere sich ohne grofse Schwierigkeit 
von dem in einzelne Ganglienknoten gegliederten der Wirbellosen ab¬ 
leiten läfst. Die bisher in dieser Biehtung unternommenen Versuche 
haben alle einer kritischen Prüfung nicht Stand gehalten und sind ver¬ 
gessen. Bekanntlich liegt das Bauchmark der Gliedertiere ventral von 
dem Darme, und nur am Mundpole umfassen von ihm ausgehende Stränge 
und Ganglien den Ösophagus. Bei den Wirbeltieren liegt aber das Cen¬ 
tralnervensystem dorsal vom Darmapparate. Gaskell stellt nun die 
Hypothese auf, dafs der centrale Hohlraum, welcher sich durch das 
ganze Gehirn und Bückenmark hindurch bei den Vertebraten nachweisen 
läfst, eben jener alte Darm der Gliedertiere sei, den das Nervensystem 
umwachsen habe. Bei den Wirbeltieren hätte sich dann ventral ein neuer 
Darm ausgebildet. Er führt diesen Gedanken dann aus, indem er den 
Darmkanal der Krebse speciell zum V ergleiche heranzieht. Der Central¬ 
kanal des Bückenmarkes, welcher bei den frühen Stadien der Wirbel¬ 
tierembryonen als Canalis neurentericus in den wirklichen Darmkanal 
mündet, entspricht dem langgestreckten Darme der Krebse, die Ventrikel 
des Gehirnes und ihre Bedachung durch den Plexus choroideus ent¬ 
sprechen dem grofsen Kopfmagen dieser Tiere. Im Infundibulum wird 
der Ösophagus gefunden. Seine Ausbuchtungen, Saccus vasculosus, sind 
noch heute nicht von Nervenmasse umgeben. Ausgehend von dieser 
Auffassung, sucht G. verschiedene Teile des Vertebratengehirnes als 
Beste von Teilen des alten „Kopfmagens“ zu erklären. Seine Begrün¬ 
dung ist teils eine morphologische, teils versucht er auch das Wenige, 
was aus der vergleichenden Physiologie des Gehirnes bekannt ist, zur 
Bekräftigung seiner Hypothese heranzuziehen. 
His studiert bekanntlich seit Jahren an Wachsrekonstruktionen den 
Pormaufbau früher menschlicher Embryonen und hat im Laufe dieser 
Studien die anatomische Wissenschaft vielfach sehr bereichert. In einer 
umfassenden Arbeit über die Eormentwickelung des menschlichen Vor¬ 
derhirns vom Ende des ersten bis zum Beginn des dritten MonatsL 
schildert er in genauerer Weise, als es bisher möglich war, die frühen 
Formen des Gehirns. Von allgemein wichtigen Gesichtspunkten ist 
namentlich der Nachweis hervorzuheben, dafs die Betina des Auges sich 
aus der Grundplatte des Vorderhirns entwickelt, ganz der gleichen Hirn¬ 
substanz, welche weiter hinten den motorischen Nervenkernen Ursprung 
giebt. Der Biechnerv ist nicht ein eigentlicher Gehirnteil, sondern seine 
Fasern wachsen aus einer getrennt vom Gehirn liegenden Platte, der 
Biechplatte, die in der Decke der Nasenhöhle liegt, hirnwärts, treten 
dann in das Kopfgewebe ein und verbinden sich dort mit dem Biech- 
1 Abhandlungen der Kgl. sächs. Oesellsch., No. 26, S. 275.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.