Bauhaus-Universität Weimar

Die ästhetischen Gefühle. 
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Langeweile, als Gefühlsleere, intellektuelle Leere und Leere des 
Strebens. Ebenso habe ich a. a. 0. zu zeigen versucht, welche 
ungeheure Menge der menschlichen Bestrebungen dieser Be¬ 
dürfnisgruppe entspringt und wie grofs daher ihre Bedeutung 
für unser Wohlsein geschätzt werden mufs. Hier nun erhält 
die obige, anscheinend paradoxe, aber für unsre Untersuchung 
hochbedeutsame Behauptung von Gefühlen aus Gefühlen ihr 
volles Licht. Das durch irgend welche Verursachung entstehende 
Gefühl, sei es Lust oder Unlust, ist als seelische Funktion lust- 
voll. Wir haben also hier vom primären Vorgang, dem Zu¬ 
stande des Lust- oder Unlustempfindens, einen sekundären, die 
Lust aus dem unmittelbaren Innewerden der Funktion als einem 
seelischen Bedürfnis Genüge leistend, zu unterscheiden. Bei 
der Lust werden diese beiden Elemente ununterscheidbar ver¬ 
schmelzen, bei der Unlust aber läfst der Kontrast die sekundäre 
Funktionslust deutlich als etwas Verschiedenes hervortreten. 
Ich unterlasse nun kürzehalber den negativen Nachweis, 
dafs die ästhetischen Gefühle weder aus den beiden Gruppen 
der körperlichen Bedürfnisse, noch aus den materialen seelischen 
Bedürfnissen entspringen, und behaupte kurzweg, dafs ihre 
Quelle in den seelischen Funktionsbedürfnissen zu suchen ist. 
Dafs die seelischen Funktionen an sich lustvoll, ihr Ces- 
sieren oder ihre Hemmung an sich unlustvoll ist, haben wir 
gesehen. Für die Verknüpfung der Funktionslust wenigstens 
aus der Erregung von Gefühlen mit dem ästhetischen Gebiet 
besteht ferner eine alte Tradition, für die sich Namen wie 
Plato, Aristoteles, Descartes, Dubos, Kant, Schiller ins Feld 
führen lassen. Vor allen ist hier Aristoteles als Gewährsmann 
zu nennen. Mit einseitiger Ausschliefslichkeit leitet er alle 
und jede Lust im Zusammenhänge mit seinen metaphysischen 
Grundprinzipien ôvvafuç und èvéçysia aus der ins Bewufstsein 
fallenden Bethätigung einer Anlage ab (Eth. Nie. X. 4, 1174 
b. 24, 33; VII. 14, 1153 b, 10 ff; Ehet. I. 11, 1369 b, 33), und 
somit steht seine berühmte Lehre von der Katharsis als der 
von Lust begleiteten intensiven Erregung der tragischen Unlust¬ 
gefühle im direkten Zusammenhänge mit den letzten Prinzipien 
seiner Metaphysik. Die tragische Lust ist Lust aus einer 
Funktion, aus der Bethätigung einer Anlage. Der alles Werden 
umspannende Begriff der IvéQysia bezeichnet die Verwirklichung 
des potentia Vorhandenen einesteils als Entwickelung, andernteils,
        

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