Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über eine falsche Nachbildlokalisation und damit Zusammenhängendes
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit14185/9/
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Th. Lipps. 
hin und her gehe und nach Möglichkeit auf beide zugleich 
achte und ihren wahrgenommenen räumlichen Zusammenhang 
festhalte, also die Bewegung auf das feste System O P zu be¬ 
ziehen mich bemühe, scheinen mir beide in der meiner Blick¬ 
bewegung entgegengesetzten Bichtung sich zu bewegen. Ich 
kann so in der That willkürlich 0 allein oder 0 und P sich schein¬ 
bar verschieben lassen. 
Immerhin können auch im letzteren Palle die scheinbaren 
Bewegungen von 0 und P nicht die gleiche Gröfse haben. 
Ich mag noch so sehr zwischen 0 und P hin und her gehen, 
bei jeder einzelnen Bewegung ist darum doch entweder 0 Aus¬ 
gangspunkt und P Zielpunkt oder umgekehrt. Und besteht 
überhaupt die Neigung, den Zielpunkt als fest zu betrachten, 
so mufs diese Neigung auch hier wirken. Die Bemühung, 0 
und P samt ihrer wahrgenommenen räumlichen Distanz festzu¬ 
halten, wird zwar, wenn P Zielpunkt ist, das P, und ebenso, 
wenn 0 Zielpunkt ist, das 0 in die scheinbare Bewegung mit 
hineinzwingen; aber die der Blickbewegung entgegenkommende 
eigene Bewegung des Zielpunktes muss doch immer hinter der 
Fluchtbewegung des Ausgangspunktes zurückzubleiben scheinen. 
Darnach ergiebt sich in beiden hier unterschiedenen Fällen 
während der Blickbewegung von 0 nach P der Gedanke einer 
Eigenbewegung des 0, durch welche, wenn sie wirklich statt¬ 
fände, 0 um eine Strecke von P weggerückt, also die Ent¬ 
fernung 0 P um ein Stück vergröfsert werden müfste. Durch 
diesen Gedanken nun trete ich in Widerspruch mit der Wahr¬ 
nehmung, derzufolge die Entfernung zwischen 0 und P wäh¬ 
rend des Vorganges sich selbst gleich geblieben ist, Ich sehe 
ja, wenn ich bei P angelangt bin, 0 von P soweit entfernt, 
als beim Beginn der Bewegung P von 0 entfernt war. Freilich 
ist dies Gleichheitsbewufstsein kein absolut sicheres ; es schwankt 
zwischen gewissen Grenzen. Eine geringe Vergröfserung jener 
Entfernung werde ich übersehen, ich werde mir also auch den 
Schein einer solchen anstandslos gefallen lassen. 0 wird sogar, 
ohne dafs der Widerspruch fühlbar wird, um so weiter schein¬ 
bar nach unten rücken und dabei P hinter sich zurück lassen 
dürfen, je gröfser die Entfernung 0 P ist. Und es ist, wie 
wir später sehen werden, nicht ohne Bedeutung, dafs es sich 
so verhält. —- Soweit aber jenes Gleichheitsbewufstsein reicht, 
bleibt der bezeichnete Widerspruch in Kraft.
        

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