Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Fortgesetzte Untersuchungen zur Symptomatologie und Diagnostik der angeborenen Störungen des Farbensinns [In zwei Teilen]
Person:
Nagel, W. A.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit13463/26/
264 
W. A. Nagel 
mäfsig Farbensinnsprüfungen ausznführen haben. Aber ich habe 
nicht viele gefunden, die das einfache von Holmgren selbst 
empfohlene Verfahren wirklich kannten und beherrschten.1 Sehr 
bezeichnend ist es schon, dafs die in Deutschland zusammen¬ 
gestellten und zum Teil durch Staatsbehörden an die Arzte ver¬ 
teilten Wollsortimente durchaus nicht den Bedingungen ent¬ 
sprechen, die an „Wollproben nach Holmgren“ zu stellen sind. 
Sehr wahrscheinlich wird es in anderen Ländern ebenso sein, 
mit Ausnahme vielleicht von Schweden, wo es am einfachsten 
ist, die Wollen von den beiden Quellen in Upsala zu beziehen, 
die die richtige Auswahl von Wollfäden in richtiger Qualität 
und Zahl liefern. Dazu kommt, dafs die Mehrzahl der mit 
Farbensinnsprüfung betrauten Ärzte die Vorschriften für die 
Prüfung überhaupt nicht genügend kannte, oder sich für be¬ 
rechtigt hielt, das Verfahren zu „verbessern“ und zu „verein¬ 
fachen“. Geradezu unglaubliche Dinge kann man in dieser Hin¬ 
sicht erfahren, und zwar zum Teil aus dem Munde der Herren 
selbst, die nach so „vereinfachtem HoLMGRENschen Verfahren“ 
untersuchten. Wurde mir doch von einer Anzahl von Ärzten, 
die berufsmäfsig „nach Holmgren “ den Farbensinn zu prüfen 
hatten, mitgeteilt, dafs sie auf diese Prüfung pro Kopf nicht 
1 Dafs die Farbensinnsprüfung vielfach so stiefmütterlich behandelt 
wird, dafs man glaubt, sie ohne weiteres Studium und ohne Übung aus¬ 
führen zu können, während man bei anderen sinnesphysiologischen und 
sonstigen Untersuchungen viel gröfsere Ansprüche an sich und andere 
stellt, erklärt sich leicht daraus, dafs der augenärztliche Praktiker, von dem 
der Anfänger die Untersuchungsmethoden lernen soll, der als unheilbar 
bekannten und für die meisten Menschen nicht sehr wichtigen Farben¬ 
blind heit kein nennenswertes Interesse entgegenbringt. Gerade dem viel¬ 
beschäftigten Augenarzt wird am wenigsten Zeit bleiben, sein grofses 
Material zum Studium der Farbenblindheit und zur Einübung in ihre 
Diagnostik auszunützen ; er hat wichtigeres zu tun. So erklärlich also die 
Sachlage ist, so unerwünscht ist sie doch, denn zur Untersuchung von 
Eisenbahn- und Marinepersonal ist eine gründliche Beherrschung dieses 
Gebietes nötig. Erfahrene Ophthalmologen werden mir gewifs zugeben, 
dafs die diagnostischen Leistungen der Augenkliniken im Gebiet des Farben¬ 
sinns noch verbesserungsfähig sind. Unter diesen Umständen ist es nicht 
sehr verwunderlich, wenn die Bahn- und Marineärzte geringe diagnostische 
Leistungen aufweisen. Man wdrd von ihnen nicht viel mehr erwarten 
können, solange in den Augenkliniken nicht höhere Ansprüche an die 
Diagnosen auf farbenphysio- und pathologischem Gebiet gestellt werden, 
als es manchen Orts geschieht.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.