Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 2. Band, 6., umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit1160/532/
524 
Räumliche Tastvorstellungen. 
Indem die psychologische Analyse die genannten Elemente auffindet, 
führt sie damit zugleich auf bestimmte physiologische Bedingungen, welche 
dem Verschmelzungsprozeß vorausgehen. Es muß nämlich i) den Bewegungs¬ 
empfindungen die Eigenschaft zukommen, bei der Transformation des ungleich¬ 
artigen in ein gleichartiges Kontinuum zur Abmessung dienen zu können ; 
sodann muß 2) das Tastorgan für die Ausbildung und Abstufung der Lokal¬ 
zeichen die erforderlichen Anlagen der Struktur besitzen; und endlich wird 
3) nach physiologischen Vorbedingungen zu suchen sein, die den Akt der 
Verschmelzung vermitteln helfen. Der ersten dieser Forderungen kommen die 
Bewegungsempfindungen durch ihre an den wechselnden Umfang der Be¬ 
wegungen gebundenen Intensitätsunterschiede nach. Durch diese bilden sie 
an jedem, selbständig in einem Gelenk beweglichen Körperteil eine fein ab¬ 
gestufte Intensitätsreihe bei im wesentlichen qualitativ gleichartiger Beschaffen¬ 
heit der Empfindung. Zweifelhafter kann man darüber sein, aus welchen 
Eigentümlichkeiten des Tastorgans die Lokalzeichen zu erklären sind. So 
können Strukturverschiedenheiten der nicht-nervösen Hautbestandteile und der 
subkutanen Gewebe möglicherweise eine lokale Färbung der Empfindungen 
mitbedingen. Aber von größerem Gewicht scheinen doch die Verhältnisse 
der Nervenverteilung selbst zu sein, da die feiner lokalisierenden Teile reicher 
an Nerven und an besonderen Tastapparaten sind. Nun ist es kaum wahr¬ 
scheinlich, daß etwa an jede Nervenfaser an und für sich schon ein Lokai- 
zeichen gebunden sei. Dagegen ist es wohl denkbar, daß eine Hautstelle, in 
der sich zahlreichere Fibrillen verzweigen, eben deshalb eine qualitativ etwas 
andere Empfindung vermittelt, als eine solche, in der nur wenige sich aus¬ 
breiten, und an den Endigungen der Nerven in besonderen Tastapparaten 
werden möglicherweise schon bei unmittelbarer Nachbarschaft der letzteren 
solche Unterschiede sich ausprägen können. Folgt man dieser Vorstellung, 
so wird im allgemeinen die Feinheit der Lokalisation nicht sowohl von der 
absoluten Zahl der Nervenfasern als vielmehr von der Geschwindigkeit ab- 
hängen, mit der sich von einer Stelle zur andern die Zahl der Fibrillen 
ändert. Diese Änderung geschieht aber an den nervenreichsten Teilen am 
schnellsten. Einen Empfindungskreis werden wir nun einen solchen Hautbezirk 
nennen, in dem die Nervenausbreitung so gleichförmig ist, daß, namentlich 
solange die Eindrücke nicht als punktförmige mit distinkten Tastapparaten in 
Berührung kommen, lokale Empfindungsunterschiede von merklicher Größe 
nicht entstehen. In der Tat bestätigt dies die Erfahrung, insofern an allen 
Hautstellen, die sich durch genaue Lokalisation auszeichnen, wie z. B. an den 
Fingerspitzen, auch die Feinheitsunterschiede nahe beieinander gelegener Stellen 
am größten sind. Jene Interferenz der Empfindungskreise, welche die Fig. 249 
(S. 477) für die horizontale Richtung veranschaulicht, erklärt sich leicht aus 
dieser Vorstellung. An jedem Punkt der Haut muß ja ein neuer Empfin¬ 
dungskreis beginnen, insofern für jeden ein bestimmtes Maß der geänderten 
Nervenverteilung existiert, innerhalb dessen die Veränderung des Lokalzeichens 
unmerklich ist. Zugleich ist deutlich, daß die Grenze der lokalen Unter¬ 
scheidung keine fest bestimmte sein kann. Denn die Abstufung der Lokal¬ 
zeichen, bez. der ihnen zugrunde liegenden Nervenverteilung, ist eine stetige, 
so daß bei fortgesetzter Übung auch solche Unterschiede noch erkannt werden, 
die ursprünglich der Beobachtung entgehen. Leicht fügen sich dieser Hypo¬ 
these ferner die Beobachtungen über den Einfluß des Wachstums (S. 473), da
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.