Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 2. Band, 6., umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit1160/339/
Eigenschaften der einfachen Gefühle. 
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Stimmung Ausdruck zu geben '. Mannigfaltiger sind die Gefühle, die sich 
an die Klangfarbe anschließen. Aber wie die letztere auf eine Mehr¬ 
heit von Tönen zurückgeführt werden kann, so scheint es möglich, auch 
das begleitende Gefühl aus jenen Grundcharakteren der Stimmung abzu¬ 
leiten, die den Tonhöhen innewohnen. Klangfarben nämlich, bei denen 
der Grundton rein oder nur mit den nächsthöheren Obertönen verbunden 
ist, wie z. B. die der Flötenpfeifen der Orgel, sind dem Ausdruck ernsterei 
Stimmungen angepaßt, Klangfarben, die auf dem starken Mitklingen hoher 
Obertöne beruhen, wie die der meisten Streich- und Blasinstrumente, 
mehr den heiter oder leidenschaftlich angeregten Gemütslagen. Wo der 
durch die Klangfarbe hervorgerufene Gefühlston mit demjenigen der Ton¬ 
höhe im Widerstreit steht, da können sich Gefühle von eigentümlicher 
Färbung bilden, deren Wesen eben auf dem Kontrast der Gefühlstöne 
beruht, &und die uns vornehmlich in gewissen zwiespältigen Affekten, wie 
in dem Bangen der Erwartung, der Wehmut usw., begegnen. Diese 
Gefühle finden daher zuweilen in den Klangfarben der Streichinstrumente 
von geringer Tonhöhe ihren adäquaten Ausdruck. Ganz anders gestaltet 
sich unter denselben Bedingungen der Gefühlscharakter des Klangs, wenn 
dieser gleichzeitig eine bedeutende Stärke besitzt, wie bei den Blechin¬ 
strumenten. Hier gewinnt er den Charakter energischer Kraft. Wo der 
Grundton überwiegt, wie beim Horn, da erscheint diese Kraft durch Ernst 
gedämpft und kann, bei sinkender Klangstärke, bis zur Schwermut herab¬ 
gedrückt werden. Zu seinem lautesten Ausdruck kommt das Kraftgefüh 
bei dem von hell schmetternden Obertönen begleiteten Schall der Trom¬ 
pete. Ernst mit gewaltiger Kraft gepaart klingt in den Tonmassen der 
Posaune und des Fagotts an. Natürlich kann daher ein und derselbe Klang 
durch wechselnde Stärke mehr dem einen oder dem andern Gefühlston 
angepaßt werden. Zugleich kommt dabei in Betracht, daß sich mit der Starke 
immer auch etwas die Klangfarbe ändert, da bei wachsender Klangstarke 
die höheren Obertöne intensiver mitklingen. Gehoben wird endlich die 
Wirkung durch die Verhältnisse der zeitlichen Dauer der Klänge. Der 
langsame Wechsel der letzteren gibt den ernsten und schwermütigen, der 
schnelle den freudigen und gehobenen Stimmungen Ausdruck, daher die 
langsame Klangbewegung die Gefühlstöne der tiefen, die rasche diejenige 
der hohen Tonlagen steigert. 
Nicht selten gewinnt ferner der Charakter solcher Klänge, îe 
von hohen Obertönen begleitet sind, dadurch eine eigentümliche Fär¬ 
bung, daß einzelne dieser höheren Partialtöne Schwebungen bilden und 
i Mehr als unser tief und hoch enthalten wohl die 
nennungen ßaqv, grave, und ogv, acutum, zugleich einen 
färbungen der Töne je nach ihrer Höhe. 
griechisch-lateinischen Be- 
Hinweis auf diese Gefühls-
        

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