Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 2. Band, 6., umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit1160/284/
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Gefühlselemente des Seelenlebens. 
Variation der Eindrücke bei konstant bleibenden Bedingun¬ 
gen, und 2) in die Methode der Konstanterhaltung der Eindrücke 
bei Variation der begleitenden Bedingungen. Die erstere ist die 
fundamentalere; sie läßt allein eine regelmäßige und planmäßige Ab¬ 
stufung der experimentellen Einwirkungen zu. Die zweite besitzt mehr 
eine ergänzende Bedeutung. Sie schließt insbesondere auch jene Variation 
der Bedingungen ein, die durch die individuellen Verschiedenheiten der 
Gefühlsanlage entstehen, und führt so unmittelbar über in das Gebiet der 
» psychologischen Charakterologie «. 
In beiden Fällen ist das Vergleichungsverfahren selbst im wesent¬ 
lichen ein übereinstimmendes. Am präzisesten kommt es allerdings bei 
der Variation der Eindrücke zur Anwendung, da die der Bedingungen 
meist allzu sehr von zufälligen Umständen abhängt, um immer ein plan¬ 
mäßiges Verfahren anwenden zu können. Dies erhellt besonders deut¬ 
lich, wenn die Variation der Bedingungen in den Unterschieden indivi¬ 
dueller Gefühlsdispositionen besteht, die man eben nur da untersuchen 
kann, wo sie sich zufällig vorfinden. Dagegen läßt die Variation der 
Eindrücke eine einfachere und eine verwickeltere Form zu, die beide 
ihre erste Ausbildung übrigens nicht bei den einfachsten Gefühlsproblemen, 
sondern aus Anlaß der Untersuchung gewisser »ästhetischer Elementar¬ 
gefühle« erlangt haben, von Gefühlen also, die zwar in dem ästhetischen 
Gebiet, dem sie zugehören, von einfachster Art, innerhalb des allgemeinen 
Umkreises der Gefühlsvorgänge aber doch schon von komplexer Be¬ 
schaffenheit sind. Gleichwohl sind die beiden möglichen Verwendungen 
der Eindrucksmethode, die sich bei diesen speziellen Problemen der ex- 
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perimentalen Ästhetik ergeben, auch für das weitere Gebiet der Gefühle 
verwendbar, und sie ergänzen sich in willkommener Weise. Die eine 
dieser Methoden besteht in der unmittelbaren Anwendung äußerer Ein¬ 
drücke zur Hervorrufung bestimmter Gefühle: wir können sie die direkte 
Eindrucksmethode nennen; die andere in der willkürlichen Hervor¬ 
rufung von Erinnerungsvorstellungen an gefühlerregende Eindrücke: wir 
wollen sie als die Reproduktionsmethode bezeichnen1. Für die 
einfacheren Gefühlsvorgänge ist die direkte Methode die vorzugsweise 
1 Von diesen Methoden entspricht die erste derjenigen, die Fechner in seiner ex¬ 
perimentalen Ästhetik als die »Methode der Wahl«, die zweite derjenigen, die er als die 
»Methode der Herstellung« bezeichnet hat, Namen, die freilich außerhalb des ästhetischen 
Gebietes nicht mehr wohl anwendbar sind, da namentlich das Moment der »Wahl« durch¬ 
aus an die hier obwaltenden speziellen Bedingungen geknüpft ist. Eine dritte von Fechner 
unterschiedene Methode, die der »Verwendung«, fällt für die allgemeinere Gefühlsunter¬ 
suchung von selbst weg. Übrigens werden wir sehen, daß ihr auch auf dem Gebiet der 
elementaren Ästhetik sehr erhebliche Bedenken entgegenstehen. Vgl. Fechner, Zur ex¬ 
perimentalen Ästhetik, Abhandl. d. sächs. Ges. d. Wiss. Math.-phys. Kl. Bd. 9, 1871, S. 602 f. 
und unten Bd. 3, Kap. XVI, 2.
        

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