Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 2. Band, 6., umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit1160/202/
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Qualität der Empfindung. 
gemischte Grau aufsuchte, welches, der Farbe beigemischt, keine Helligkeits¬ 
änderung derselben herbeiführte. Das nämliche Grau erschien dann stets auch 
ohne die farbige Beimengung genau in derselben Helligkeit wie die Farbe. 
Ebenso fanden Götz Martius und Kretzmann in Versuchen, bei denen sie 
komplementäre Gemische teils direkt, teils in den von ihnen erzeugten Nach¬ 
bildern verglichen, daß die Helligkeit eines solchen Gemisches stets gleich der 
Helligkeit seiner farbigen Komponenten nach Maßgabe ihrer Beteiligung an 
der Mischung ist. Dieses Ergebnis würde, wenn jede Farbe ihre spezifische 
Helligkeit besäße, unmöglich sein, da in diesem Fall die Helligkeiten der 
Einzelfarben von denen ihrer komplementären Gemische immer im Sinne ihrer 
spezifischen Helligkeit abweichen müßten1. Hiernach kann es als zweifellos 
gelten, daß es eine »spezifische« Helligkeit der Farben, d. h. eine solche, die 
eine jede zu der ihrer farblosen Komponente eigenen Helligkeit hinzubringt, 
nicht gibt. Wenn wir niemals Farbe empfinden können, ohne gleichzeitig 
Helligkeit zu empfinden, so beruht dies eben darauf, daß zwar eine Hellig¬ 
keitsempfindung ohne Farbe, niemals aber eine Farben- ohne eine Helligkeits¬ 
empfindung vorkommt. Auch die gesättigtste Spektralfarbe enthält immer noch 
diese farblose Komponente, wie gerade der Umstand deutlich zeigt, daß das 
Spektrum bei geringster Lichtintensität in ein farbloses Band übergeht. Ebenso 
ist die oben (S. 179) hervorgehobene Beobachtung, daß total farbenblind ge¬ 
wordene Stellen auf eine Farbe genau mit dem gleichen Grad einer Hellig¬ 
keitsempfindung reagieren wie farbentüchtige, mit jener Annahme unvereinbar. 
Zugleich ist aber aus jenem schließlichen Übergang der farbigen in farblose 
Lichtempfindungen bei abnehmender Lichtstärke zu schließen, daß bei jeder 
Erregung die Helligkeitsempfindung schon bei geringeren Reizstärken beginnt 
als die Farbenerregung. Die Art, wie diese farblose Komponente mit 'der 
Steigerung der Lichtintensität zunimmt, ist dann wieder für die verschiedenen 
Farben eine etwas abweichende, wie die Verschiebung des Helligkeitsmaximums 
im Spektrum und die ihr entsprechenden Tatsachen des PurkinjESchen Phäno¬ 
mens zeigen. Außerdem ist sie offenbar von der Beschaffenheit der Netzhaut¬ 
elemente abhängig, die dann wieder ihrerseits die großen Unterschiede des 
zentralen und des seitlichen Sehens bedingen. Daß diese Unterschiede mit 
den morphologischen der Zapfen und Stäbchen und mit dem den letzteren 
allein zukommenden Sehpurpur Zusammenhängen, ist aber in hohem Grade 
wahrscheinlich. Hierin besteht die relative Wahrheit der von von Kries auf¬ 
gestellten »Duplizitätstheorie«. Nur handelt es sich eben hier nicht um Gegen¬ 
sätze, sondern um stetig veränderliche Unterschiede. Nach den zu beobach¬ 
tenden Tatsachen besitzen in der menschlichen Netzhaut die Zapfen sowohl 
Farben- wie Helligkeitsempfindung ; in den Stäbchen dagegen nimmt mit der 
Distanz vom Zentrum die Farbenempfindlichkeit ab und die Helligkeitsempfin¬ 
dung etwas zu; ganz in der Peripherie schwindet endlich die erstere ganz, 
indes die letztere noch fortbesteht. (Vgl. auch über die hier eingreifenden 
Verhältnisse der Sehschärfe im direkten und indirekten Sehen bei Hell- und 
Dunkeladaptation unten Kap. XIV, 1.) 
1 Kirschmann, Philos. Stud. Bd. 6, 1891, S. 462 ff. Götz Martius, Beiträge zur 
Psychologie und Philosophie, Heft 1, 1896, S. 132 ff. F. Kretzmann, ebend. S. 120 ff.
        

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