Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 6.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit1150/652/
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Intensität der Empfindung. 
In seiner Anwendung auf Empfindungsintensitäten, mit der wir es 
hier vorläufig allein zu tun haben, empfängt nun aber die psychologische 
Deutung des WEBERschen Gesetzes ihre entscheidende, nahezu einem 
Experimentum crucis gleich zu achtende Bestätigung durch die Tatsache, 
daß es sich mit einem andern, dem MERKELschen Gesetze kreuzt, und 
daß die Geltung jedes dieser Gesetze genau mit den Bedingungen zu¬ 
sammentrifft, die im einen Fall eine relative, im andern eine absolute 
Schätzung von Empfindungsunterschieden begünstigen. Dabei ist natür¬ 
lich unter »absoluter Schätzung« keine den absoluten Maßbestimmungen 
der Physik irgendwie entsprechende Feststellung zu verstehen, sondern da 
wir überhaupt nicht die Empfindungen selbst, sondern nur ihre Unter¬ 
schiede oder ihre Verhältnisse schätzen können, so ist die »absolute 
Empfindungsschätzung« hier nur ein abgekürzter Ausdruck für die »Gleich¬ 
schätzung gleicher absoluter Unterschiede«. Daß nun eine solche doppelte 
Gesetzmäßigkeit der Gleichschätzung relativ und absolut gleicher Unter¬ 
schiede sowohl mit der psychophysischen wie mit der rein physiologischen 
Deutung unvereinbar ist, leuchtet ohne weiteres ein. Wäre das Weber- 
sche Gesetz im Sinne FECHNERs der Ausdruck einer fundamentalen 
Wechselbeziehung zwischen Leib und Seele, so müßte es eine unbedingte 
Geltung besitzen; und wäre es eine Folge irgend welcher Gesetze der 
peripheren oder zentralen Nervenerregung im Sinne der rein physiolo¬ 
gischen Hypothesen, so wäre es unmöglich, eine Veränderung oder Kom¬ 
pensation dieser Gesetze durch Einflüsse anzunehmen, die dem Gebiet 
der vergleichenden Beurteilung der Empfindungen angehören. In der 
Tat sind aber diese Bedingungen in den beiden Fällen, wo das Weber- 
sche und wo das MERKELsche Gesetz gilt, so gegeneinander verändert, 
daß daraus die abweichende Gesetzmäßigkeit ohne weiteres psychologisch 
verständlich wird. Die Bedingungen für das Zutreffen des WEBERschen 
Gesetzes sind nämlich: 1) die Unterschiede der Empfindungen müssen 
minimale sein, und 2) die Schätzung muß auf Grund der Vergleichung 
je zwe ier Empfindungen erfolgen. Beide Bedingungen hängen enge mit¬ 
einander zusammen. Denn bei den Minimalmethoden können in einem 
Versuch immer nur zwei Empfindungen verglichen werden. Schon die 
Konzentration der Aufmerksamkeit auf die kleinen Empfindungsunter¬ 
schiede fordert dies. Jeder Versuch, etwa eine dritte Empfindung heran- 
zuziehen, würde die Entscheidung über die eben merkliche Änderung 
stören, daher denn auch alle Minimalmethoden, ohne sich über diesen 
lieh entscheidenden Einwand gegen die psychologische Deutung des WEBERschen Gesetzes 
den anführt: »falls dieselbe zutreffend wäre, müßte sich dasselbe notwendig auch bei den 
Tonhöhen bewähren«, so ist demnach offenbar von ihm nicht beachtet worden, daß wir 
eben nicht Schwingungszahlen, sondern Tonqualitäten vergleichen.
        

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