Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 6.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit1150/547/
Die Bewußtseinsinhalte als Größen. 
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eine mathematische Aufgabe. Die erstere bestand darin, zu einer physi- 
kalisch genau abgemessenen Reihe von Reizstärken 1, 2, 3, 4 . die 
zugehörige Reihe von Empfindungen a, b, c, d . . . zu finden, wobei 
es eventuell ganz dahingestellt bleiben konnte, ob es Eigenschaften der 
Empfindungen überhaupt gebe, die als deren Intensitäten bezeichnet 
werden dürfen. Es genügte vorauszusetzen, daß a, b1 c, d . . . durch 
irgend welche Merkmale unterschieden seien1. Die mathematische Auf¬ 
gabe bestand aber nach dieser psychophysischen Auffassung des Pro¬ 
blems darin, in jedem einzelnen Fall eine möglichst exakte Zuord¬ 
nung psychischer Werte zu physischen Werten zu finden und daher 
alle Unregelmäßigkeiten in derselben Weise, wie es die physikalische 
Beobachtungskunst tut, zu eliminieren. In diesem Sinne pflegt man noch 
gegenwärtig, ganz wie bei physikalischen Beobachtungen, alle solche durch 
wechselnde psychische Bedingungen entstandenen Abweichungen als 
» Fehler« zu betrachten, um deren Herkunft und Bedeutung man sich 
höchstens insoweit zu kümmern habe, als dies zu deren Beseitigung er¬ 
forderlich sei. 
Nun ist bei dieser Auffassung der Psychophysik in der hier ange¬ 
deuteten Richtung eine doppelte Voraussetzung möglich. Entweder kann 
man annehmen, jene sei ein von der Psychologie grundsätzlich zu trennen¬ 
des Gebiet. Oder man kann die Aufgabe einer exakten Psychologie in 
dem Sinne einschränken, daß sie es lediglich mit der Zuordnung der 
Bewußtseinserscheinungen zu den ihnen entsprechenden physischen Reizen 
zu tun habe. Das erstere tat FECHNER, veranlaßt durch die meta¬ 
physische Stellung, die er der Psychophysik zuwies. Die zweite Auf¬ 
fassung wurde nahe gelegt, sobald man die Beziehungen zwischen Reiz 
und Empfindung als rein empirische Gesetzmäßigkeiten behandelte. Dann 
verband sich aber auch dieses Prinzip der äußeren Zuordnung der Reiz¬ 
werte zu bestimmten Empfindungswerten nicht selten mit der Annahme, 
der nach seinen physikalischen Eigenschaften bekannte Reiz sei nicht 
nur, wie FECHNER es ausgedrückt hatte, der Maßstab, an dem die 
Empfindung gemessen werde, sondern diese sei im physiologischen 
Sinne eine Funktion des Reizes. Doch keine dieser Auffassungen 
des »psychophysischen Problems« läßt sich im Hinblick auf die tat¬ 
sächlichen Wechselbeziehungen der Gebiete, zwischen denen die Psycho- 
1 Der Gedanke, die sogenannten Empfindungsintensitäten seien vielleicht als bloße 
Qualitätsunterschiede aufzufassen, ist schon von J. von Kries ausgesprochen worden 
(Vierteljahrsschr. für wiss. Philosophie, Bd. 6, S. 257 ff.). Das Prinzip, daß es bei der Zu¬ 
ordnung der Empfindungsreihe und der Reizreihe vom Standpunkt dieser »psychophysischen 
Betrachtung« aus überhaupt nur auf irgend welche Merkmale der Empfindungen ankomme, 
ist dann besonders von G. F. Lipps betont worden (Archiv für Psychologie, Bd. 3, 1904, 
S. 177). 
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