Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 6.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit1150/494/
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Physische Bedingungen der Empfindung. 
für sich die spezifische Höhenqualität desjenigen Tones zukomme, auf den 
der zugehörige Teil des Resonanzapparates abgestimmt ist. Die Schwin¬ 
gungen der mit irgend einer Faser f zusammenhängenden Saite des 
Resonanzapparats würden dann eigentlich nur die äußere Gelegenheits¬ 
ursache für die Entstehung der entsprechenden Tonempfindung, die 
spezifische Qualität der letzteren aber lediglich an die Faser f selbst ge¬ 
bunden sein, die, durch welche Ursachen sie auch erregt würde, immer 
die gleiche Empfindung vermitteln müßte. Dächten wir uns, es wäre 
möglich, plötzlich alle Acusticusfibrillen von fx bis fn umzulagern, so daß 
die jetzt oben liegenden die tiefste und die unten liegenden die höchste 
Lage annähmen, so würden von nun an die langsamsten Schwingungen 
Tonempfindungen erzeugen, die wir hohe, und die schnellsten solche, die 
wir tiefe Töne nennen. Zweitens kann man sich aber auch vorstellen, 
jede akustische Nervenfaser sei im allgemeinen für Schallreize jeder Art 
empfänglich, und die in ihr erzeugten Nervenprozesse seien nicht von 
konstanter Qualität, sondern sie modifizierten sich nach den Reizen, ins¬ 
besondere also nach der Zahl der einwirkenden Schwingungen. Dann 
würde eine Faser f. nicht deshalb einen hohen Ton vermitteln, weil diese 
Qualität ihr ursprünglich und unabänderlich zukommt, sondern weil sie 
mit einem Teil des Resonanzapparates verbunden ist, der nur schnelle 
Schwingungen auf sie überträgt. Denken wir uns jetzt wiederum, wie 
oben, eine Umlagerung der Fasern, so würde die vorhin sich ergebende 
Umkehrung der Empfindungen nicht eintreten, sondern wir würden fortan 
tiefe Töne tief und hohe Töne hoch hören; aber es würden andere 
Acusticusfasern sein, die jedesmal diese Empfindungen im Sensorium an¬ 
regten. Neben diesen beiden extremen Möglichkeiten ist schließlich noch 
eine dritte, die in gewissem Sinne eine mittlere Stellung einnimmt, 
denkbar. Es könnte sein, daß ursprünglich. jede Acusticusfaser jedem 
möglichen Schallreiz zugänglich war, und daß sie diese Anpassungs¬ 
möglichkeit an verschiedene Tonschwingungen wohl auch bis zu einem 
gewissen Grade bewahrt hat, daß aber doch die fortwährende Einwirkung 
von Schwingungen einer gewissen Dauer, wie sie die Entwicklung eines 
Resonanzapparates mit sich bringt, kleine Umänderungen in der Molekular¬ 
struktur bewirkte, vermöge deren jede Faser nun am leichtesten auf die¬ 
jenigen Schwingungen reagiert, die ihr wirklich vom Resonanzapparat aus 
zugeführt werden. Diese dritte Annahme ist, wie man leicht sieht, nicht 
eigentlich eine mittlere zwischen den beiden vorigen, sondern sie ist viel¬ 
mehr eine Modifikation der zweiten, da auch sie den ursprünglichen 
Grund der Empfindungsunterschiede nicht in die Nerven selbst, sondern 
in die äußeren Töne und Tonapparate verlegt, und da nach ihr nur die 
nämliche Anpassung an die äußeren Bedingungen, die sich an der Dif-
        

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