Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 6.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit1150/492/
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Physische Bedingungen der Empfindung. 
direkt mit Nervenfasern Zusammenhängen, und daß sie in der Schnecke 
der Vögel und Amphibien fehlen* 1, ließ sich diese Ansicht nicht mehr auf¬ 
recht erhalten. Von den Haarzellen, den wirklichen Endgebilden der 
Nervenfasern, kann man aber wegen ihrer außerordentlich geringen Masse 
nicht wohl annehmen, daß sie nur durch bestimmte Töne erregbar seien. 
Vielmehr werden die Cilien, sobald das Labyrinthwasser durch Schall¬ 
schwingungen in Bewegung gerät, dieser Bewegung folgen: es werden 
daher, wenn ein einfacher Ton in das Ohr dringt, alle Cilien mitschwingen, 
und eine zusammengesetzte Klangmasse wird sie ebenfalls in Schwingungen 
versetzen. Die Haarzellen als solche mögen daher vielleicht eine diffuse 
Geräuschempfindung vermitteln. Eine Analyse der Klänge kann aber 
nicht durch sie selbst, sondern nur durch die in ihrer Umgebung befind¬ 
lichen Teile zustande kommen. Hier liegt es nun am nächsten an die 
Grundmembran zu denken, die, worauf Hensen2 zuerst hinwies, an ihren 
verschiedenen Stellen eine hinreichend abweichende Breite besitzt, um 
eine Abstimmung für alle dem menschlichen Ohr zugänglichen Tonhöhen 
möglich zu machen. Es nimmt nämlich von der Basis gegen die Spitze 
der Schnecke die Grundmembran in ihrem Querdurchmesser stetig zu, so 
daß sie am oberen Ende etwa zwölfmal so breit ist als am unteren An¬ 
fang des Schneckenkanals. Die einzelnen Teile derselben müssen sich 
demnach, da die Spannung der Membran in ihrer Länge erheblich kleiner 
als die quere Spannung zu sein scheint, wie Saiten von verschiedener 
Länge verhalten, indem die breiteren Teile auf tiefere, die schmäleren 
auf höhere Töne abgestimmt sind. Möglicherweise könnten dann die 
CORTlschen Bogen zur Dämpfung der Schwingungen bestimmt sein, 
wozu sie bei ihrer bedeutenden Festigkeit wohl geeignet scheinen3. Den 
Mechanismus der Acusticusreizung würden wir uns demnach folgender¬ 
maßen zu denken haben. Zunächst werden durch die dem Labyrinth¬ 
wasser mitgeteilten Schallbewegungen die Cilien der Haarzellen m 
Schwingungen versetzt, die im allgemeinen zusammengesetzter Natur sind. 
Der auf einen gewissen Ton abgestimmte Teil der Grundmembran gerät 
aber teils von den Hörhaaren, teils, namentlich bei stärkeren Tönen, direkt 
vom Labyrinthwasser aus nur dann in merkliche Mitschwingungen, wenn 
Grundmembran je nach der verschiedenen Breite ihrer Abschnitte auf verschiedene Töne 
abgestimmt sei. 
1 Hasse, Zeitschrift für wiss. Zoologie, Bd. 17, S. 56, 461. Bd. 18, S. 72, 359. 
2 Zeitschrift für wiss. Zoologie, Bd. 13, 1863, S. 481. 
3 Waldeyer, Hörnerv und Schnecke, Strickers Gewebelehre, S. 952. Eine andere 
Vermutung hat Helmholtz aufgestellt. Er glaubt, daß die CORTlschen Bogen, als relativ 
feste Gebilde, dazu bestimmt seien, die Schwingungen der Grundmembran auf eng abge¬ 
grenzte Bezirke des Nervenwulstes zu übertragen. (Tonempfindungen3, S. 229.) Weitere 
Mutmaßungen über die Beziehungen der Endgebilde zu den Nervenfasern vgl. bei Böttcher, 
Arch. f. Ohrenheilk., Bd. 25, 1887, S. 1 ff.
        

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