Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 6.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit1150/424/
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Grundiormen psychischer Elemente. 
eine Übersetzung von »idea«. Aber es muß ihm zum Ruhme nachgesagt 
werden, daß er sich im ganzen noch von der ausschließlichen Beschränkung 
auf die Erinnerungsvorstellungen fernhält, da er zwar die durch äußere Sinnes¬ 
reize erregten Vorstellungen »Empfindungen« nennt, dabei aber doch ausdrück¬ 
lich die Empfindungen ebenfalls mit zu den Vorstellungen rechnet1. Erst in 
der WoLFFSchen Schule bildete sich, ohne Zweifel infolge des wachsenden 
Einflusses der englischen Assoziationspsychologie und ihrer Gegenüberstellung 
der »ideas« und der »impressions«, die Gewohnheit aus, das erstere Wort, 
die ideas oder Erinnerungsbilder, mit Vorstellungen, das letztere, die impres¬ 
sions oder Sinneseindrücke, mit Empfindungen zu übersetzen, eine Nachwirkung, 
unter der namentlich die Assoziationspsychologie auch in Deutschland heute 
noch steht, und durch die sie freilich zugleich für die noch immer in ihr 
herrschende Vermengung empirischer Selbstbeobachtung und logischer Reflexion 
ein deutliches Zeugnis ablegt. Denn es bedarf doch wahrlich nur einer mäßigen 
Selbstbesinnung auf den unmittelbar gegebenen Inhalt der Bewußtseinsvorgänge, 
um zu erkennen, daß die Reflexion, ob ein vorgestelltes äußeres Objekt wirk¬ 
lich existiere oder nicht, zur unmittelbaren psychologischen Erfahrung nicht 
gehört. Einen ganz andern Weg hat das Wort Gemüt, aus dem die Be¬ 
zeichnung »Gemütsbewegungen« für die subjektiven Bewußtseinsinhalte ab¬ 
geleitet ist, zurückgelegt. Es ist keine Neubildung, sondern ein aus altdeutscher 
Zeit überkommenes Sprachgut, das, an das Stammwort Mut sich anlehnend, 
zunächst das gesamte innere Wesen des Menschen und dann in der spe¬ 
zielleren Bedeutungsrichtung, die auch »Mut« erhalten hat, speziell die Tempe¬ 
raments- und Charaktereigenschaften bezeichnet2. In dem gleichen Sinne ist 
das Wort in den philosophischen Sprachgebrauch übergegangen, wo es das ganze 
18. Jahrhundert hindurch, und so auch noch von Kant, im wesentlichen gleich¬ 
bedeutend mit Seele oder Bewußtsein gebraucht wird3. Die durch die xAssoziation 
mit Mut nahegelegte speziellere Beziehung auf die der Intelligenz, dem Vorstellen 
und Erkennen gegenüberstehenden subjektiveren Eigenschaften der Seele, wonach 
das Gemüt als der Sitz der Affekte, Leidenschaften und Stimmungen gefaßt 
und von dem Geiste unterschieden wird, kommt erst in der Sturm- und 
Drangperiode der deutschen Dichtung zur Geltung. Bei Herder, Goethe, 
dann bei den Romantikern wird diese engere Bedeutung des Wortes, die im 
Gegensätze zu dem im Denken und in der Sprache mehr nach außen treten¬ 
den Geiste das tiefere Innere der Seele ausdrückt, allmählich die voi herrschende. 
Unter den Philosophen ist es Fichte, bei dem es in diesem neuen Sinne ge¬ 
radezu ein Lieblingsausdruck geworden ist4 *. Seitdem hat dann auch die Zu¬ 
sammensetzung »Gemütsbewegungen« als Übersetzung des Wortes »Affekte« 
1 Wolff, Vern. Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen6, 1726, 
I, § 749, II, § 268. 
2 Vgl. R. Hildebrandts Art. Gemüt in Grimms Wörterbuch, Bd. 4, I, S. 3239 ff. 
3 Bei Kant ist demnach das Gemüt der allgemeinere Begriff im Verhältnis zum 
Geiste. Er nennt z. B. (Kritik der Urteilskraft, § 49) den Geist »in ästhetischer Bedeu¬ 
tung das belebende Prinzip im Gemüt«, und redet gelegentlich von den »Vorstellungen im 
Gemüt« usw. 
4 Fichte, Sämtliche Werke, Bd. 7, S. 327. Die Vergleichung der germanischen 
mit den romanischen Völkern gipfelt hier in den Worten: »die letzteren (die Romanen) 
haben Geist; die ersteren (die Germanen) haben zum Geist auch noch Gemüt«. Siehe 
dazu und zu dem Folgenden meine Bemerkungen zur Terminologie der Gefühle und der 
Gemütsbewegungen, Philos. Stud. Bd. 6, 1891, S. 335 ff.
        

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