Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 6.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit1150/357/
Funktionen der Großhirnhemisphären. 
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= 2196 bis 1877, bei einem Orang = 533,5 Dem Oberfläche1. Auch 
bei den tiefer stehenden Menschenrassen hat man das Gehirn in der 
Regel kleiner und windungsärmer gefunden2. Nicht minder lehren zahl¬ 
reiche Beobachtungen, daß innerhalb der gleichen Rasse und Nationalität 
Individuen von hervorragender Begabung große J und windungsreiche 
Hemisphären besitzen3. Die Figuren 100 und 101 zeigen dies an zwei 
besonders auffallenden Beispielen. Fig. 100 ist, von oben gesehen, das 
Gehirn eines einfachen Handarbeiters von mäßigen, aber nicht unternor¬ 
malen geistigen Fähigkeiten; Fig. 101 gibt die entsprechende Ansicht vom 
Gehirn des berühmten Mathematikers C. Fr. Gauss4. 
d. Die Lokalisationshypothesen und ihre Gegner. 
Alte und neue Phrenologie. 
Diese augenfälligen Unterschiede der Oberflächengestaltung der Gro߬ 
hirnhemisphären legen begreiflicher Weise die Vermutung nahe, daß dem 
in ihnen hervortretenden allgemeinen Zusammenhang zwischen Gehirnent¬ 
wicklung und geistiger Befähigung spezifische Beziehungen der relativen 
Ausbildung einzelner Teile der Hirnoberfläche zu bestimmten Richtungen 
der geistigen Anlage parallel gehen. Von dieser an sich wohlberechtigten 
Annahme ist die von Franz Joseph Gall begründete »Phrenologie« aus- 
gegangen. Freilich aber waren die physiologischen und psychologischen 
Voraussetzungen, die Gall der Durchführung dieses Gedankens zugrunde 
legte, von ebenso unzulänglicher Beschaffenheit, wie die Beobachtungen 
selbst und die auf sie gegründeten Schlüsse der Exaktheit und Vorsicht 
ermangelten. Indem Gall, die geistigen Funktionen als Verrichtungen 
einer Anzahl innerer Sinne ansah, wies er jedem der letzteren nach 
Analogie der äußeren Sinne sein besonderes Organ an. Dabei verlegte 
er diese Organe übrigens fast sämtlich an die Oberfläche des Gehirns und 
setzte dabei einen Parallelismus der Schädel- und Hirnform voraus, der 
nachweislich mindestens in dieser Ausdehnung nicht zutrifft. So unter¬ 
schied Gall 27 solcher »innerer Sinne«, bei deren Bezeichnung er nach 
1 Huschke, Schädel, Hirn und Seele, S. 60. H. Wagner, Maßbestimmungen der 
Oberfläche des großen Gehirns, 1864, S. 33. 
2 Tiedemann, Das Hirn des Negers mit dem des Europäers und Orang-Utangs ver¬ 
glichen, 1837. Broca, Mémoires d’anthropologie, 1871, p. 191. Vgl. die kritische Zu¬ 
sammenstellung der gesamten Literatur über alle diese Fragen bei Th. Ziehen, Nerven¬ 
system, im Handb. der Anatomie von Bardeleben, Bd. 4, 1899, S. 353 ff. Außerdem über 
die Gewichtsverhältnisse des Gehirns M. Reichardt, Die Untersuchung des gesunden und 
kranken Gehirns mittels der Wage, 1906, S. 3 7 ff. 
3 Gall et Spurzheim, Anatomie et physiol, du système nerveux, Tom. 2, p, 251. 
4 R. Wagner, Vorstudien zu einer wissenschaftl. Morphologie und Physiologie des 
Gehirns, i860. (Vgl. a. Broca, Mémoires d’anthropologie, p. 155•) Übrigens versteht es 
sich von selbst, daß auch hier die sonstigen Faktoren, wie Rasse, Körpergröße, Alter, Ge¬ 
schlecht, in Rücksicht gezogen werden müssen. Ein normales Hottentottengehirn würde, 
wie schon Gratiolet bemerkt, im Schädel eines Europäers Idiotismus bedeuten.
        

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