Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1. Band, 6.,umgearbeitete Auflage
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit1150/157/
Theorie der zentralen Innervation. 
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Übung durch Funktionswiederholung zu unterscheiden, als Bahnung be¬ 
zeichnen1. Danach beweisen diese Erscheinungen erstens, daß, wenn ein 
Erregungsvorgang durch eine Ganglienzelle in bestimmter Richtung häufig 
geleitet wird, hierdurch diese Richtung auch bei künftigen Reizungen, 
welche die nämliche Zelle treffen, vorzugsweise zur Leitung disponiert 
wird ; und sie fordern zweitens, daß die Leitungsvorgänge in der zentralen 
Substanz überhaupt nicht in feste Grenzen eingeschlossen sind, und daß 
daher Elemente, in denen zuvor die Erregungen gegenüber den gleich¬ 
zeitig stattfindenden Hemmungen verschwanden, unter den durch den 
Hinwegfall der seitherigen Leitungswege eintretenden neuen Übungsbe¬ 
dingungen neue funktionelle Verbindungen eingehen können. In die Aus¬ 
drücke der oben entwickelten Hypothese übersetzt würde dies bedeuten, 
daß die oft wiederholte Leitung in einer bestimmten Richtung auf dem 
der letzteren entsprechenden Weg mehr und mehr der zentralen Substanz 
die der peripheren Region eigentümliche Beschaffenheit verleiht. Eine 
derartige Umwandlung steht aber in der Tat durchaus im Einklang mit 
den allgemeinen Gesetzen der Reizung. Schon im peripheren Nerven 
nehmen ja, wenn ihn ein Reiz wiederholt trifft, die hemmenden Kräfte 
immer mehr ab: zunächst, so lange die Leistungsfähigkeit nicht erschöpft 
wird, steigt daher die Reizbarkeit bei oft wiederholter Reizung. Die 
letztere führt also allgemein eine Veränderung der Nervensubstanz mit 
sich, wobei diese die Eigenschaft einbüßt, die mit der Restitution der 
inneren Kräfte verbundene hemmende Wirkung auszuüben. Hierin findet 
das Prinzip der Übung seine nähere Erläuterung für die zentralen 
Funktionen, indem es sich zugleich in zwei für das Verständnis dieser 
Funktionen im einzelnen wichtige und sich wechselseitig ergänzende Prin¬ 
zipien spezialisiert: in das Prinzip der Lokalisation und in das der 
vikariierenden Funktion. Beide werden uns bei der Betrachtung dei 
Funktionen der Zentralorgane des Nervensystems als unentbehrliche Hilfs¬ 
mittel für die Interpretation der Erscheinungen wieder begegnen. 
d. Verhältnis der Nervenprozesse zu den psychischen Vorgängen. 
Noch ein allgemeineres, nicht bloß für die physiologische, sondern 
auch für die psychologische Seite der Lebensvorgänge wegweisendes Er¬ 
gebnis läßt sich aber diesen Betrachtungen entnehmen. Wir haben zum 
Maße der Wirkungen, welche die Nervensubstanz in sich erzeugen und 
auf andere, ihr in gewissen allgemeinen Eigenschaften gleichartige Ele- 
1 Ich übernehme hier diesen zuerst von S. Exner (Entwurf einer physiologischen 
Erklärung der psychischen Erscheinungen, I, 1894, S. 76) vorgeschlagenen sehr zweck¬ 
mäßigen Ausdruck, ohne mich damit den sonstigen von diesem Autor aufgestellten An¬ 
schauungen und Hypothesen anzuschließen.
        

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