Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 2. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 5: Mythus und Religion, 2. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit1124/296/
Fortbildungen und Überlebnisse des Animalismus. 
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verfolgen läßt. Zugleich bietet sich hier früh schon die Doppelform 
in ihrer zweifachen Gestalt, als Mensch mit dem Tierkopf, wie in den 
alten Bildern der großen Himmels- und Vegetationsgötter, und als 
Tier mit dem menschlichen Angesicht, wie in den gewaltigen Sphinx¬ 
gestalten. Daß uns hier, ebenso wie in der assyrischen Kunst in den 
mächtigen Flügellöwen mit dem Menschenantlitz, diese letztere Form 
der Doppelbildung zunächst als der Ausdruck einer wachsamen, das 
Heiligtum schützenden Gottheit begegnet, ist sicherlich ein psycho¬ 
logisch bedeutsamer Zug. Denn dieses Ausdrucks einer mit tiefem 
Emst geparten Wachsamkeit ist eben nur das menschliche Angesicht 
fähig; und wie hier, so mußten überall, sobald sich nur erst die 
Bedeutung menschlicher Gesichtsbildung für den Ausdruck seelischer 
Größe der Anschauung aufgedrängt hatte, naturgemäß die tierischen 
Attribute in die Stellung sekundärer Ausdrucksmittel, wie der dem 
Löwen entlehnten Kraft oder der von dem Vogel herübergenommenen 
Schnelligkeit, zurücktreten. Damit war auch schon der Weg ange¬ 
zeigt, auf dem diese sekundären Attribute allmählich zu Gedanken¬ 
symbolen werden konnten, denen man eine unmittelbare Wirklichkeit 
überhaupt nicht mehr zuschrieb. Zunächst sind aber jene Sphinxe 
und geflügelten Torwächter sicherlich so wenig wie die ihnen ur- 
sprungsverwandten Engelsgestalten der jüdischen und christlichen 
Mythologie als bloße Symbole zu deuten, sondern das Auge des 
Gläubigen sieht gerade in den Attributen, die zu dem geistigen Aus¬ 
druck des Menschen Züge hinzubringen, in denen ihm das Tier 
überlegen ist, eine dem gesuchten Ideal adäquate Wirklichkeit. 
Neben diesem dem menschlichen Gott allmählich zum Sieg ver¬ 
helfenden Wege-der Umbildung gibt es jedoch noch einen zweiten, 
den ebenfalls in allen seinen Stadien die Mythologie der Ägypter 
zurückgelegt hat. Er besteht in der völligen Loslösung des immer 
noch göttlich geachteten Tieres von dem in die menschliche Form 
umgewandelten Gotte. So entsteht eine zwiespältige, wiederum eines 
jeden Versuchs der Rationalisierung spottende Auffassung: der Gott 
ist, als ein in erhabenster menschlicher Form verkörpert gedachtes 
himmlisches Wesen, ein am Himmel wandelnder Sonnen- oder 
Mond- oder Stemengott; gleichzeitig aber ist er in einem Tier, 
einem Stier oder Krokodil, verkörpert, das als seine unmittel¬ 
bare irdische Erscheinung im Kultus die Verehrung genießt, der 
Wundt, Völkerpsychologie II, a. 19
        

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