Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 2. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 5: Mythus und Religion, 2. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit1124/237/
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Die Seelenvorstellungen. 
Christentums, absehen, zumeist dem Gebiet der Naturmythologie an- 
gehörigen Bestandteile, wie deren märchenartige Form. Aber wenn 
selbst, was an sich sehr wohl möglich ist, da und dort in den Ver¬ 
breitungsgebieten des genuinen Fetischismus Elemente des Natur¬ 
mythus selbständig entstanden sind, so bleibt dies fur die gegen¬ 
wärtige Frage deshalb irrelevant, weil sie im Kultus und darum 
jedenfalls auch im Glauben dieser Völker gegenüber dem Zauber¬ 
glauben ganz zurücktreten oder höchstens in schwachen und darum 
wahrscheinlich sekundären Beimengungen zu bemerken sind. Als 
solche darf man z. B. wohl die Vorstellungen von einer Inkarnation 
Verstorbener in Lebenden und von einem dem gegenwärtigen folgen¬ 
den und vorangegangenen Leben betrachten, Vorstellungen, die da 
und dort auf die Bestattungsgebräuche einen Einfluß gewonnen zu 
haben scheinen. Nichts spricht jedoch dafür, daß dies Reste einer der¬ 
einst bestandenen höheren Mythologie und nicht vielmehr von außen 
aufgenommene oder bestenfalls zwar primär entstandene, aber unent¬ 
wickelt und vereinzelt gebliebene Motive sind, welche den ein eigen¬ 
tümliches Zwischengebiet zwischen Seelenglauben und Naturmythus 
bildenden Vorstellungen von einem besonderen Seelenlande angehören *). 
g. Theorie des Fetischismus. 
Kann nach allem dem der Fetischismus ohne Zweifel mit Recht 
als eine spezifische Kultform betrachtet werden, insofern er sich eben 
als diejenige definieren läßt, bei der sich der zuvor irregulär und in¬ 
dividuell geübte Zauberbrauch zu einem eigentlichen Zauberkult er¬ 
hoben hat, so geht nun aber aus dieser Stellung zugleich hervor, 
daß er in keiner Weise als eine spezifische Form der Mythologie, 
und daß er noch weniger, wie das nicht selten geschehen ist, als die 
niedrigste Religionsform betrachtet werden kann. Seinem Wesen 
nach ist er Zauberkult; und er selbst ist daher keine spezifische 
Glaubensform, sondern zugrunde liegt ihm der Zauberglaube. Dieser 
kann aber in die verschiedensten Glaubensformen, in den Seelen¬ 
glauben wie in den Naturmythus und in die aus diesem hervorge¬ 
gangenen ethischen Religionen, hineinreichen. Indem sich nun unter 
diesen allen der Seelenglaube allem Anscheine nach am frühesten 
*) Vgl. über diese Kap. VI, III.
        

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