Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 2. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 5: Mythus und Religion, 2. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit1124/23/
i6 
Die Seelenvorstellungen. 
die gleiche, die sich in einer andern Wendung bei Homer in der 
Hadesfahrt des Odysseus findet, wo die Schatten der Abgeschiedenen 
durch das Blut, das sie trinken, zu vorübergehender Besinnung er¬ 
wachen (Od. ii, 145 ff.). Bei den Tragikern ist diese Vorstellung 
verschwunden. Die Schatten im Hades nehmen hier ohne weiteres 
teil an den Schicksalen der Lebenden: die Schattenseele hat dem¬ 
nach in der Entwicklung dieser Vorstellungen allmählich über die 
Blutseele den Sieg davongetragen (Sophokles Antig. 897 ff). Übrigens 
findet sich schon bei Homer ein Übergang zu dieser reiferen Vor¬ 
stellung: der Schatten des Teiresias bedarf des Bluttranks nicht. Der 
Seher, der als Lebender bereits die Zukunft geschaut hat, wandelt 
auch unter den bewußtlosen Schatten noch als ein Sehender. Es ist 
ein gewiß unbeabsichtiger und doch überaus feiner Zug dichterischer 
Empfindung, daß hier gerade in dem durch sein geistiges Vermögen 
über gewöhnliche Sterbliche herausragenden Seher die Psyche ge¬ 
wissermaßen den Sieg über die im Blute sitzende Körperseele 
davonträgt. Eine andere Form der gleichen Grundanschauung 
ist es, wenn bei den Kariben der Erstgeborene mit dem Blut 
seines Vaters besprengt wird, augenscheinlich in dem Gedanken, 
dadurch dessen seelische Eigenschaften auf ihn zu übertragen, oder 
wenn nach uralter, in verschiedenen Modifikationen über die ganze 
Erde verbreiteter Sitte zwei Menschen Brüderschaft schließen, indem 
sie sich beide eine Wunde beibringen und wechselseitig das Blut aus 
ihr saugen. Blutgemeinschaft bedeutet eben hier Seelengemein¬ 
schaft l). Die große Rolle, die beim Opferkult allerorten das Blut 
spielt, leitet sich aber schließlich aus der nämlichen Vorstellung her. 
Wie die Eingeweide ursprünglich nicht als die an sich wertvollsten 
und noch weniger umgekehrt als die fur den Opfernden ungenie߬ 
barsten Teile gespendet werden, was für die besonders bevor¬ 
zugten, wie Fett und Nieren, überhaupt nicht zutrifft, sondern deshalb, 
weil sie Seelenträger sind, so gilt das auch von dem Blute. Wenn 
aber dieses im ganzen am dauerndsten solchen Vorzug genießt, so 
ist das zugleich ein Zeugnis für die Beharrlichkeit der Vorstellung, 
daß im Blut die Seele enthalten sei. Man gießt das Blut am Opfer- 
*) Trumbull, The Blood Covenant, 1885, p. 5ff. J. G. Frazer, The golden Bough®, 
1900, I, p. 353fF. Wellhausen, Reste arabischen Heidentums®, 1897, S. 128.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.