Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 2. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 5: Mythus und Religion, 2. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit1124/126/
Die Seele im Obergang zum Dämon. 
ug 
gen der beiden Formen der Angstträume erscheinen können. Meist 
treten jedoch gerade jene Eigenschaften zurück, die den Fratzen¬ 
traum mit der Vision in engere Beziehung bringen. So wird der Alp 
nicht selten als eine gewaltige Menschengestalt vorgestellt, deren Ge¬ 
sicht aber nur in undeutlichen Umrissen zu sehen ist. Oder, wenn 
die Atmungshemmung allmählicher eintritt und zugleich von andern 
angsterregenden Innervationswirkungen, namentlich von verstärktem und 
beschleunigtem Herzschlag begleitet ist, so erscheint der Alp als eine 
allmählich herankommende Riesengestalt, vor deren drohendem Nahen 
der Atem schwindet. Ist die den Hauptfaktor dieser Erscheinungen 
abgebende Druckempfindung mäßiger, und verbinden sich mit ihr 
andere Reizmotive, so kann nun der eigentliche Alptraum in den 
Verfolgungstraum übergehen: der Träumende wird von einem 
verfolgenden Tier oder Ungeheuer gehetzt, so daß ihm die Atmung 
versagt und das Herz fühlbar pocht. Oder wenn noch Gehörsreize 
hinzukommen, so nimmt der Alptraum die Form einer aufregenden 
Unterredung oder quälender Fragen an, um deren Beantwortung man 
sich vergeblich abmüht. Dieser »Examenstraum« ist unter unseren 
heutigen Kulturbedingungen wohl eine der häufigsten solcher Erschei¬ 
nungen, was sich aus der großen Zahl reproduktiver Motive erklärt, 
die den aus der Atem- und Herzbeklemmung entspringenden Ge¬ 
fühlen der Angst, sobald sie gewisse mäßige Grenzen nicht über¬ 
schreiten, diese Richtung anweisen. Der Lehrer und Schüler, der 
Anwalt und Richter, der Zeuge, der vor Gericht gewesen ist, oder 
wer auch nur als Zuhörer einem Examen oder einer Zeugenverneh¬ 
mung beigewohnt hat, sie alle assimilieren leicht mäßige Druck- und 
Angstreize in der Form eines solchen Examenstraumes. Außerdem 
können aber gerade diese milderen Formen, bei denen die ander¬ 
weitigen Sinneserregungen mehr hervortreten, zu grotesken Misch¬ 
formen zwischen Alp- und Fratzentraum Anlaß geben. 
Unzweifelhaft hat nun auch der Alptraum in den mythologischen 
Vorstellungen seine deutlichen Spuren zurückgelassen, wobei sich 
freilich hier wiederum diese Vorstellungen durch die Verwebung mit 
andern Motiven vom Gebiet der eigentlichen Seelenvorstellungen mehr 
und mehr entfernen, indem sie in den Kreis der mit der Seele ur¬ 
sprungsverwandten Dämonenvorstellungen eingetreten sind. Vor allem 
gehören hierher auf germanischem Boden die Spukgestalten der Maren
        

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