Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über eine neue Methode zur Prüfung geistiger Fähigkeiten und ihre Anwendung bei Schulkindern
Person:
Ebbinghaus, H.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit10284/6/
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H. Ebbinghaus. 
nicht einmal als uneingeschränkt richtig erscheinen. Anhal¬ 
tendes schnelles Rechnen ist eine ungemein viel ein¬ 
tönigere Beschäftigung als die Teilnahme an einer Durch¬ 
schnitts-Schulstunde. Ein halbwegs verständig betriebener 
Unterricht bietet dem Kinde Abwechslung; nicht nur von 
Stunde zu Stunde durch den Wechsel der Lehrgegenstände, 
sondern auch innerhalb der einzelnen Stunde durch die ver¬ 
schiedene Beschäftigung mit jedem Gegenstände, wie Abhören 
der Aufgaben, weiteres Fortschreiten, Wiederholen u. s. w. 
Selbst noch innerhalb jeder bestimmten Art der Beschäftigung 
mit historischen, sprachlichen, naturwissenschaftlichen Dingen 
wird jederzeit eine gewisse Mannigfaltigkeit von verschieden¬ 
artigen Vorstellungen aufgerührt. Wie grausam monoton er¬ 
scheinen dagegen fortlaufende einfache Additions- und Multi¬ 
plikationsaufgaben. Ein paar Dutzend ganz bestimmter und 
ganz gleichartiger Assoziationen nehmen den Geist unausgesetzt 
in Anspruch, zu Ende der Stunde völlig dieselben wie zu 
Anfang der Stunde. Die soeben besprochene Ermüdungs¬ 
wirkung des Rechnens beruht natürlich zum Teil auf dieser 
Monotonie, denn es ist ja bekannt, dafs namentlich Gleich¬ 
förmigkeit der geistigen Bethätigung baldige Abspannung her¬ 
beiführt. Aber die Sache hat zugleich noch eine andere Seite, 
die begrifflich wohl unterschieden werden mufs: die 
Arbeit wird den Kindern einfach langweilig, sie verliert sehr 
bald den kleinen Reiz für sie, den sie anfänglich vielleicht 
hatte. Sie arbeiten daher, ganz abgesehen von ihrer zu¬ 
nehmenden Ermüdung, auch noch zunehmend nachlässiger, 
d. h. sie machen immer zahlreichere Fehler, nicht etwa, weil 
sie vor Erschöpfung nicht mehr anders könnten, sondern weil 
sie an einer sauberen und korrekten Ausführung der ihnen 
auferlegten Aufgabe keine Interesse mehr haben und nur noch 
durch mechanisches Darauflosschreiben sich mit der Sache ab- 
finden. 
Dafs dieses Moment eine erhebliche Rolle spielt, ergiebt 
sich, wie mir scheint, aus der verhältnismäfsig starken Steige¬ 
rung der gerechneten Ziffernmenge im Verlauf der Stunde. Es 
ist wenig glaublich, dafs Kinder gerade in dem Alter, in dem 
sie regelmäfsig mit einfachen Additions- und Multiplikations¬ 
aufgaben beschäftigt werden, in einer so kurzen Zeit allein 
durch Übung in den Stand gesetzt werden sollten, 40%
        

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