Bauhaus-Universität Weimar

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Herrn. Ebbinghaus. 
belehrt. „In jedem von den Kulturbeziehungen getragenen 
Bewufstsein“ durchkreuzen einander „verschiedene Zweck¬ 
zusammenhänge“. Sie können niemals gleichzeitig im Bewufst- 
sein sein. Jeder von ihnen braucht, um zu wirken, gar nicht 
im Bewufstsein zu sein. Aber sie sind nicht hinzugedachte 
fiktive Essenzen. Sie sind „psychische Wirklichkeiten“. Also 
psychische Wirklichkeiten, die nicht im Bewufstsein sind, aber 
doch in diesem wirken! Ja, was ist denn eigentlich mit un- 
bewufsten Vorstellungen, von denen nach Dilthey ganz 
abgesehen werden sollte, anderes gemeint? Das ist doch eben 
die Behauptung ihrer Vertreter, sofern sie nicht in die 
Physiologie abschweifen, dafs dergleichen Dinge zur Ergänzung 
des Gegebenen und zu seinem Verständnis hinzugedacht werden 
müssen. Es besteht keine Spur von Unterschied zwischen 
ihnen und Dilthey, nur das Wort fehlt bei diesem und dazu 
die Klarheit, dafs er hinterher genau das behauptet, was er 
vorher angegriffen hat. Die verpönte Entscheidung aber, ob 
das Unbewufste psychisch oder physisch oder sonstwie zu 
denken sei, trifft Dilthey selbst dahin, dafs es psychische 
Realität habe. 
Aber nun sind doch die Annahmen der erklärenden 
Psychologie unsichere Hypothesen, während die Ergänzungen 
Diltheys ganz sicher sein sollten. Das ist freilich seine 
Meinung, aber eine Meinung, die wieder durchaus in einer 
Selbsttäuschung befangen ist. Die DiLTHEYschen Ergänzungen 
der Erfahrungslücken sind genau soviel und sowenig hypo¬ 
thetisch, wie die entsprechenden Annahmen der anderen Psycho¬ 
logen; auch in diesem wichtigen Punkte besteht nicht der 
mindeste Unterschied. Die Ausfüllung jener Lücken mufs 
„erraten“ werden, so sahen wir wiederholt. Aber wo geraten 
wird, kann auch falsch geraten werden; ein Privilegium des 
Richtigratens hat niemand. Man kann die gefundene Lösung 
vielleicht stützen durch empirische Verifikation ihrer Konse¬ 
quenzen, dann wird sie unter Umständen sehr glaubhaft, aber 
die Sicherheit des unmittelbaren Erlebnisses erlangt sie niemals. 
Sie bleibt dauernd hypothetisch ; jederzeit sind Beobachtungen 
möglich, die da lehren, dafs es sich in Wahrheit ganz anders 
verhält. Von der besonderen Sicherheit also, die Dilthey 
seinen Aufstellungen vindiziert, wolle man sich nicht gefangen 
nehmen lassen; sie ist ein Ausflufs der subjektiven Zuversicht,
        

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