Bauhaus-Universität Weimar

über erklärende und beschreibende Psychologie. 
193 
Dilthey selbst hat ja vorher zugestanden, dafs er das Dunkelste 
der ganzen Psychologie sei. Vorstellungen und Wollungen, 
Lust und Unlust, Einheit, Zweckmäfsigkeit, Wirksamkeit, das 
alles sind wahrhafte und wirkliche innere Erlebnisse. Aber 
dafs nun das gesamte Vorstellen und Wollen dem einheit¬ 
lichen Zwecke der Bewirkung gröfster Lust dient, dieser eigen¬ 
artige Zusammenhang jener Erlebnisse findet sich als solcher 
niemals in der inneren Wahrnehmung; er wird erraten, 
rückwärts erschlossen, hinzukonstruiert, oder wie man es nennen 
will. Wir haben die besten Gründe für die Richtigkeit des 
Rückschlusses in dem gegenwärtigen Falle, so dafs er sich uns 
als durchaus zwingend darstellt. Darum ist es doch sehr 
notwendig, zwischen dem Zwange einer wohlbegründeten An¬ 
nahme und dem Zwange einer unmittelbar erlebten Thatsache 
zu unterscheiden. Und Dilthey liefert uns nun in seinen 
Ergänzungen des Gegebenen, trotz aller gegenteiligen Ver¬ 
sicherungen, nicht unmittelbare und lebendige Erfahrungen, 
sondern Rückschlüsse und hinzugedachte Konstruktionen, kurz 
Erklärungen, ganz wie die übrigen Psychologen auch. Daran 
ist schlechterdings nichts zu ändern. 
Begreiflich, dafs die Gleichheit des Verfahrens auch 
mehrfach Gleichheit der Resultate mit sich führt. Dilthey 
wird schwerlich der Meinung sein, dafs die von ihm blofs- 
gelegte „Struktur“ des Seelenlebens den erklärenden Psycho¬ 
logen etwas irgendwie Neues sei. Vielleicht ist er in der 
That der Meinung, in einer anderen Ergänzung des Ge¬ 
gebenen von ihnen zu differieren, nämlich hinsichtlich der 
unbewufsten Vorstellungen; aber der Sache nach wieder¬ 
holt er auch hier nur, was den von ihm Angegriffenen überaus 
geläufig ist. In dem grofsen Hypothesenverzeichnis der er¬ 
klärenden Psychologie (s. ob. S. 165) werden an letzter Stelle ihre 
Vermutungen getadelt über die Beziehungen zwischen dem 
Bewufstsein und dem erworbenen seelischen Zusammenhang. 
An einer späteren Stelle (S. 41) erfahren wir aufs neue, dafs 
jede Entscheidung darüber, ob das unbewufst Gewordene 
„psychisch, physisch oder psychophysisch sei“, Hypothese ist, 
und dafs mithin „von unbewufsten Vorstellungen, von physio¬ 
logischen Spuren ohne Äquivalente“ „ganz abzusehen“ ist. 
Wenige Seiten später dagegen- (52) werden wir vermöge „sorg¬ 
fältiger Analyse der einzelnen Willenshandlungen“ viel positiver 
Zeitschrift für Psychologie IX. 13
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.