Bauhaus-Universität Weimar

Uber erklärende und beschreibende Psychologie. 
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höchsten Zweckes: Erhaltung des individuellen Lebens und 
Erhaltung der Art, das ist sichtlich das letzte Ziel, das alle 
Organe und das ganze Spiel ihrer Funktionen beherrscht. 
Allein nun wurde jene Assoziationspsychologie nicht von 
biologischen, sondern von physikalisch-chemischen Anschauungen 
geleitet. Aggregat und chemische Verbindung waren daher 
die naheliegenden Kategorien, mit denen sie den psychischen 
Einheitsbildungen gegenüber operierte und von denen be¬ 
herrscht sie sie, im Vollbewufstsein ihres Könnens, assoziativ 
zu konstruieren unternahm. So machte sie gleichsam räum¬ 
liche Anschauung aus der Assoziation von Muskelempfindungen 
mit Farben- oder Tasteindrücken; die Wahrnehmung einer 
Verschiedenheit identifizierte sie schlechtweg mit dem blofsen 
Zugleichsein verschiedener Empfindungen ; das Ich war ihr ein 
Bündel von Vorstellungen und Gefühlen, weiter nichts. Kein 
Zweifel, dafs damit den Thatsachen mehr oder minder grofse 
Gewalt angethan wurde. 
In einem lebhaften Gefühl für diese Gewaltthätigkeiten an 
den seelischen Einheiten und in der Reaktion gegen sie wurzelt 
die Polemik Diltheys; sie ist somit in ihrem allgemeinen 
Charakter eine durchaus berechtigte Regung. Freilich eine 
etwas verspätete Regung, wenn man den gegenwärtigen Stand 
der Psychologie in Betracht zieht. Denn wer unter denen, 
die sich eingehender mit psychologischen Dingen befassen, 
sollte sich wohl über jene Mängel der Assoziationspsychologie 
noch im unklaren befinden? Sieht man,ab von der Revolution, 
die durch die Einführung von Experiment und Messung be¬ 
gonnen hat, und die ihre tiefergreifenden Folgen erst allmählich 
entfalten kann, so besteht ja doch die Entwickelung der Psycho¬ 
logie in den letzten 40—50 Jahren wesentlich in der Arbeit 
an der Beseitigung jener Mängel. In dem Eintreten für die 
eben erwähnten Einheiten niederster Ordnung besteht das 
Wesen der verschiedenen nativistischen Theorien. Solche 
Dinge, zeigen sie, wie räumliches Ausgedehntsein, zeitliches 
Dauern, Bewegung, Verschiedenheit, Zahl, sind nicht assoziative 
Aggregate, noch eine Art chemischer Verbindungen, sondern 
eigenartige, in ihrer primitivsten Gestalt ganz ursprüngliche 
seelische Inhalte, die freilich mehrere andere Inhalte in sich 
befassen und vereinigen können, aber deshalb nicht einfach 
aus diesen zusammengesetzt sind. Die energische Hervorhebung 
Zeitschrift für Psychologie IX. 12
        

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