Bauhaus-Universität Weimar

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Julius Bernstein: 
der Erholungsvorgang ein identischer war. Drücken wir uns 
ganz allgemein aus, ohne für die betrachteten Vorgänge irgend 
welche bestimmte physikalische oder chemische Processe zu sub- 
stituiren, so möchten wir behaupten, dass wir es in allen Fällen 
der Ermüdung und Erholung mit ein und denselben » Zustands¬ 
änderungen« des Nerven zu thun hatten. 
Diese Annahme leuchtet am meisten ein für diejenigen Fälle, 
in welchen physikalische Kräfte Electricität, Wärme, mechanische 
Kraft auf den Nerven gewirkt haben. Denn wir stellen uns vor, 
dass diese ein- und denselben Erregungsprocess im Nerven auszu¬ 
lösen vermögen, und da sie dem Nerven nichts Substanzielles zu¬ 
führen, so kann nach ihrer Einwirkung nur eine solche Zustands¬ 
änderung des Nerven vorhanden sein, welche in der Zusammen¬ 
setzung seiner Substanz selbst begründet ist. Beobachten wir nun, 
dass der Uebergang in den normalen Zustand ein und denselben 
zeitlichen Verlauf innehält, so sind wir berechtigt anzunehmen, dass 
diese so hervorgerufenen Ermüdungs- und Erholungszustände iden¬ 
tische seien. 
Eine besondere Betrachtung aber verdienen die chemischen 
Einwirkungen auf den Nerven. Denn durch diese können mannig¬ 
fache Zustandsänderungen hervorgerufen werden, welche nicht in 
den Eigenschaften der Nervensubstanz allein ihren Grund haben, 
sondern auch in den Eigenschaften desjenigen Körpers, welcher als 
fremder Bestandtheil dem Nerven zugeführt wird. Man könnte da¬ 
her meinen, dass in diesen Fällen die Ermüdung allein in der Auf¬ 
nahme und die Erholung in der Ausscheidung des fremden Bestand- 
theiles bestände. Sicherlich spielen diese Vorgänge, die an sich 
schon complicirt genug sind, eine wichtige Rolle und finden gewiss 
gleichzeitig mit Ermüdung und Erholung statt, wie dies durch die 
Versuche von Ranke über die ermüdenden Stoffe nachgewiesen ist. 
Nun bemerken wir aber in unsern Versuchen, dass der Erholungs- 
process nach chemischer Einwirkung in derselben Weise eintritt, 
wie nach andern physikalischen Reizen. Es wäre daher ein sehr 
unwahrscheinlicher Zufall, wenn die Ausscheidungsgeschwindigkeit 
der zugeführten chemischen Reagentien mit der Erholungsgeschwin¬ 
digkeit nach jeder andern Ermüdungsart übereinstimmen sollte, und 
e& wird hieraus wahrscheinlich, dass auch nach chemischer Reizung 
im Wesentlichen dieselbe Zustandsänderung der Nervensubstanz bei 
der Ermüdung und Erholung eintritt, wie durch physikalische Reize.
        

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